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Interview mit dem Soziologen Dieter Rucht: „Nicht alle Demonstranten in einen Topf werfen“

Interview mit dem Soziologen Dieter Rucht : „Nicht alle Demonstranten in einen Topf werfen“

Der Berliner Soziologe sieht bei den Protesten zum Teil eine Ausblendung der Realität. Corona bündele die verschiedensten Unzufriedenheiten.

Dieter Rucht, Soziologe am Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin, warnt davor, alle Corona-Demonstranten in die rechtsradikale Ecke zu stellen. Unsere Redaktion fragte bei dem 74-Jährigen nach.

Herr Rucht, Kritik an der Regierung wird längst nicht mehr nur im Netz ausgetragen, sondern lautstark auf der Straße. Was verändert sich da gerade in Deutschland?

RUCHT Es verändert sich die Tonlage. Bemüht wird die Denkfigur des Widerstandes durch das Volk gegen die da oben. Das ist keine spezifische Sachkritik mehr, sondern eine generalisierte Kritik am sogenannten Establishment.

Wutbürger scheinen ein internationales Phänomen zu sein, wenn man etwa an die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich denkt. Sehen Sie hier eine Verbindung?

RUCHT Ja, insofern, als das populistische Element jetzt bei den unterschiedlichsten Anlässen hochkocht. Auch Corona bündelt ja ganz unterschiedliche Motive der Unzufriedenheit. Der diffuse gemeinsame Nenner ist die Unzufriedenheit mit dieser Regierung, mit diesem Land, mit dieser Welt, und das will man aggressiv und lautstark zum Ausdruck bringen. Dabei gehören die meisten nicht zu den Abgehängten der Gesellschaft.

Was steckt dahinter?

RUCHT Das lässt sich nur durch eine Art Abspaltung der Realität erklären. Man rückt den eigenen Bauchnabel ins Zentrum der Welt und blendet alles aus, was der eigenen Auffassung widerspricht. Es ist doch eine paradoxe Situation, wenn jemand einem Reporter sagt, es herrsche keine Meinungsfreiheit, und das Ganze dann zur besten Sendezeit in der Tagesschau läuft.

Gibt es d e n typischen Corona-Protestler?

RUCHT Nein. Klar ist aber, dass längst nicht alle Demonstranten Rechtspopulisten oder gar Rechtsradikale sind. Die einen treibt der Tierschutz um, andere der Impfschutz, wieder andere die Inkonsistenz der politischen Maßnahmen. Die Motivlage ist sehr unterschiedlich.

Menschen, die sich tatsächlich um die Demokratie sorgen, laufen mit rechtsextremen Demokratie-Verächtern in einer Reihe. Verstehen Sie das?

RUCHT Hier haben wir es wiederum mit einer Ausblendung von Teilen der Realität zu tun. Es zählt nur das eigene Anliegen. Da marschieren ja zum Beispiel auch Leute mit Mahatma-Gandhi-Bildern mit. Man kann sich zeigen vor vielen anderen Menschen. Das Gleiche gilt auch für Rechtsradikale. Sie sind durch die AfD im Bundestag inzwischen so etwas wie etabliert. Dadurch kann man sich aussuchen, an wenn man sich halten will. An vergleichsweise gemäßigte Leute wie Herrn Meuthen oder an die Glatzköpfe in schwarzen Stiefeln.

Hat braunes Gedankengut seinen Schrecken in Deutschland verloren?

RUCHT Bei einem Teil der Bevölkerung eindeutig ja. Ich habe die Demonstration am Wochenende zweitweise mit eigenen Augen gesehen. Polizisten wurden immer wieder als Faschisten bezeichnet. Da sind alle Maßstäbe verrutscht.

Irgendwann dürfte auch Corona vorbei sein. Sucht sich der Protest dann ein neues Ventil?

RUCHT Vermutlich ja. Anlässe zur Unzufriedenheit lassen sich immer finden. Und die gleichen Leute werden sich dann wieder versammeln.

Lässt sich diese Entwicklung noch aufhalten?

RUCHT Die Reaktionen auf den Protest in Berlin sollten differenzierter ausfallen. Es bringt nichts, die Demonstranten zu beschimpfen und sie alle in einen Topf werfen. Mit den ambivalent Denkenden, den Zweifelnden, muss man ins Gespräch kommen. Ein Teil der Protestierenden ist allerdings nicht erreichbar, da sollte man sich auch nicht groß anstrengen.