Integration bleibt Herausforderung

Integration bleibt Herausforderung

Deutschland ist praktisch auf dem Weg zu einem modernen Einwanderungsland. Doch bei der Integration der Zuwanderer gibt es immer noch große Probleme. Zu diesem Schluss kommt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in einer aktuellen Studie. SZ-Korrespondent Stefan Vetter nennt die wichtigsten Erkenntnisse.

Wie viele Migranten leben in Deutschland?

Knapp 20 Prozent der Bevölkerung haben ausländische Wurzeln. Das sind rund 15,3 Millionen Personen. Längst nicht alle Zuwanderer bleiben jedoch auf Dauer. Würden alle seit 1960 Eingewanderten heute noch in Deutschland leben, gäbe es hier 42 Millionen zugewanderte Personen. Die Migranten sorgen im Schnitt für ein Drittel der in Deutschland geborenen Kinder, obwohl sie nur ein Fünftel der Wohnbevölkerung stellen. Ohne die Migranten wären 2012 in Deutschland lediglich 400 000 statt 673 000 Kinder zur Welt gekommen. Das liegt vor allem daran, dass die Zuwanderer mit durchschnittlich 35 Jahren etwa zehn Jahre jünger sind als die angestammte Bevölkerung.

Welche Trends gibt es bei der Zuwanderung?

Derzeit liegen die Zuwanderungszahlen in Deutschland auf Rekordniveau. Im letzten Jahr gab es per Saldo fast 440 000 Neuzugänge. Vor einigen Jahren überwogen noch die Fortzüge gegenüber den Zuzügen. Nach Angaben des Direktors des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz, ist der deutliche Zuwanderungsgewinn jedoch vor allem auf die Krise in den südlichen EU-Ländern zurückzuführen. Wenn sich die Wirtschaft dort wieder stabilisiere, würden viele Migranten wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Wie steht es um das Bildungsniveau?

Als Faustregel gilt: Je kürzer die Zuwanderung zurückliegt, desto höher fallen die Bildungsabschlüsse der Migranten aus. Seit 2005 liegt ihr Akademikeranteil sogar höher als in der einheimischen Bevölkerung. Von einer massenhaften Armutszuwanderung könne also keine Rede sein, heißt es in der Studie. Allerdings wird das Potenzial der Hochgebildeten offenbar noch viel zu wenig genutzt. So verfügen immerhin 47 Prozent der asiatischen Zuwanderer über einen Hochschulabschluss. Unter den Einheimischen sind es nur 21 Prozent. Trotzdem liegt die Erwerbslosenquote der Migranten aus Fernost mit 13 Prozent mehr als doppelt so hoch wie die der Deutschen.

Wo gibt es die größten Probleme?

Bei den türkischen Migranten. Jeder fünfte aus der Türkei zugewanderte Mann und jede dritte Frau haben weder einen Schul-, noch einen Berufsabschluss. Auch die hier Geborenen mit türkischer Abstammung liegen in Sachen Bildung deutlich unter dem Durchschnitt der einheimischen Deutschen. Eine Änderung der Situation sei kaum in Sicht, heißt es in der Studie. Denn auch unter den Türkischstämmigen im Alter zwischen 16 und 20 Jahren hätten 2010 nur 15 Prozent ein Gymnasium besucht. Unter den Einheimischen waren es 25 Prozent.

Haben die Wissenschaftler ein Gegenrezept?

Im Bildungsbereich müssten sich die Lehrer noch deutlich stärker auf eine vielfältige Schülerschaft einstellen, sagen die Forscher. Auch mangelt es aus ihrer Sicht an einer schlüssigen Integrationspolitik, die die Vorteile der Zuwanderung in den Vordergrund stellt. Nach Ansicht von Instituts-Chef Klingholz wäre das Thema Integration besser im Wirtschaftsministerium aufgehoben statt wie jetzt im Innenressort, wo die innere Sicherheit eine große Rolle spiele.

Kann Einwanderung den Bevölkerungsschwund stoppen?

Der Bevölkerungsschwund in Deutschland lässt sich allenfalls verlangsamen. Die Experten rechnen bis 2050 mit einem Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um etwa elf Millionen Menschen - vorausgesetzt, pro Jahr kommen im Saldo 200 000 Ausländer hier her. Auch die wachsende Alterung lässt sich durch Zuwanderung nur "abfedern", wie Klingholz formulierte. Denn auch Migranten würden älter und den Einheimischen ähnlicher, in dem sie weniger Kinder zur Welt brächten.

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