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„Wir sind einen großen Schritt weiter Richtung Desaster“

„Wir sind einen großen Schritt weiter Richtung Desaster“

Hans Joachim Schellnhuber (66), Deutschlands renommiertester Klimaforscher, berät nicht nur die Kanzlerin und die EU, sondern als Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften auch Papst Franziskus. Unser Berliner Korrespondenten Werner Kolhoff sprach mit ihm über die Klimapolitik nach Paris und vor Trump.

Vor acht Jahren haben wir ein Interview geführt, und Sie haben damals große Hoffnungen in den gerade gewählten US-Präsidenten Obama gesetzt. Was bedeutet dann Donald Trump für Sie?
Schellnhuber: Obama war klimapolitisch ein Präsident des Fortschritts und der Verantwortung. Insbesondere der Vertrag, den die USA mit China geschlossen haben, war entscheidend für den Durchbruch von Paris. Dagegen erwarte ich mir von Donald Trump in der Klimapolitik absolut nichts Positives.

Was muss geschehen, um die Erderwärmung, wie in Paris beschlossen, auf zwei Grad oder weniger zu begrenzen?
Schellnhuber: Wenn wir dieses Ziel erreichen wollen, müssen wir bis 2050 die Welt weitgehend dekarbonisieren. Der Ausstieg aus der Kohleverstromung muss bis 2030 erfolgen, und der Verbrennungsmotor muss endlich auf den Müllhaufen der Geschichte landen. Wir müssten uns auch weitgehend vom Zement als Baustoff verabschieden. Es ist eine Transformation, die nur mit der Industriellen Revolution zu vergleichen ist.

Was die Gesellschaften überfordert.
Schellnhuber: Möglicherweise nicht. Und man kann nicht einerseits beschließen, das Klima zu stabilisieren, wie es in Paris von über 190 Staaten vereinbart wurde, und dann sagen, die Umsetzung sei nicht Sache der Politik. Das wäre so, als hätte man gemeinsam beschlossen, Erdbeben der Stärke 7 dürfe es künftig nicht mehr geben - grotesk.

Wo steht Deutschland? Ist es noch Antreiber, oder ist es Bremser?
Schellnhuber: Deutschland ist immer noch Antreiber. Aber wir sollten uns nicht so sehr fragen, wie wir weltweit in der Klimapolitik wahrgenommen werden; wir sollten uns vielmehr fragen, wo wir selbst in Zukunft stehen wollen. Wie wir als Kulturnation, als soziale Gemeinschaft, als politische Kraft durch das 21. Jahrhundert mit seinen dramatischen Herausforderungen kommen wollen.

Der Klimaschutzplan von Umweltministerin Barbara Hendricks war ein Versuch, Paris konkret umzusetzen - und ist stark verwässert worden.
Schellnhuber: Das stimmt, aber das ist doch nicht das letzte klimapolitische Dokument, das geschrieben wird. Es war eine erste Blaupause, für das amtierende Kabinett. Diese Blaupause ist noch lange kein Gesetz, das nächste Kabinett kann weiter an ihr arbeiten.

Aber ist es nicht auch eine Blaupause dafür, wie man mit Zielkonflikten umgeht? Sobald industrielle Interessen berührt sind, sei es die Autoindustrie, sei es die Kohle, gehen die vor.
Schellnhuber: Ich sehe das etwas anders. Viele haben sich dagegen gewandt, weil für einzelne Sektoren feste Zahlen angegeben wurden, im Verkehrsbereich, in der Landwirtschaft, bei der Kohle. Wenn man so etwas macht, gibt es immer Gegenreaktionen. Natürlich verbergen sich hinter der Kritik auch handfeste ökonomische Interessen. Aber alle Beteiligten, auch die großen Konzerne, wissen, dass sie sich den Problemen stellen müssen. Es ist eher ein Verhandeln um das Tempo der Umstellung.

Vor acht Jahren lag die Erderwärmung bei 0,8 Grad, und einige entscheidende "Kipp-Punkte" des Weltklimas drohten aktiviert zu werden. Wo stehen wir jetzt?
Schellnhuber: Wir sind leider einen großen Schritt weiter in Richtung Klima-Desaster. Die Entwicklung ist so bedrohlich, so wuchtig, dass wir schleunigst reagieren müssen. Wir liegen jetzt um ein Grad über dem Mittel der Jahre 1950 bis 1980. Im Vergleich zum Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 sind es sogar 1,2 Grad. Und selbst wenn wir die Ziele von Paris einhalten, laufen wir noch Gefahr, dass einige der Kipp-Prozesse aktiviert werden. Wir werden wohl die meisten Korallen-Riffe verlieren und registrieren zum Beispiel bereits einen massiven Eisverlust in der Westantarktis.

Und trotzdem nimmt die Zahl jener Menschen zu, die wie Trump einfach behaupten, es gebe keine Klimawandel.
Schellnhuber: Die Geschichte zeigt: Wenn eine Krise unweigerlich näher rückt, wenn sie wirklich bedrohlich wird, dann reagieren die Menschen, auch ganze Gesellschaften, mit vollständiger Verdrängung. Sie fürchten um ihren Besitz, ihre Arbeit, ihren Alltag und hoffen, dass das alles so nicht eintritt. Das ist leider normal.

Und was kann man dagegen tun?
Schellnhuber: Wir als Wissenschaftler müssen weiter unseren Job bestmöglich erledigen. Wir müssen uns den Medien und der Politik anbieten und unsere Erkenntnisse mitteilen. Die Wissenschaft muss aber nicht nur warnen, sie muss auch Wege aufzeigen, was die richtigen Antworten auf diese Menschheitsfrage sind.

Angenommen, Trump kündigt das Pariser Abkommen, würden Sie dann resignieren?
Schellnhuber: Ich würde nicht resignieren, wenn Trump das täte, denn ich erwarte, dass er genau das tut. Trump kann versuchen, die USA in die 1950er Jahre zurückversetzen. Good luck! Er wird den Wissenschafts- und Innovationsstandort USA so in den Sand fahren. Ich würde hingegen resignieren, wenn Angela Merkel dasselbe tun würde.

Die sucht nach wie vor Ihren Rat?
Schellnhuber: So ist es wohl.