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Wie der Rhein-Hunsrück-Kreis zum klimaneutralen Vorbild wurde

Erster klimaneutraler Landkreis : Das Klima-Vorbild zwischen Rhein und Hunsrück

(dpa) Der Wald im Klima­stress, Dürreschäden auf Äckern: Die globale Erwärmung bedroht auch Rheinland-Pfalz. Die Politik will dagegen vorgehen, bis 2015 soll das Land „weitgehend klimaneutral“ sein.

Bei der Energiewende gibt es schon mal einen Vorreiter: Der Rhein-Hunsrück-Kreis produziert laut seinem Klimaschutzmanager Frank-Michael Uhle mit Wind, Sonne und Biomasse unterm Strich dreimal mehr Strom als er verbraucht. Rund 275 Windräder drehen sich hier, etwa 4400 Photovoltaik-Anlagen sind auf Dächern installiert. Das bringt dem Kreis Lob.

„Der Rhein-Hunsrück-Kreis ist als erster Landkreis in der Bundesrepublik bilanziell CO2-neutral geworden“, schwärmt Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) – und ergänzt: „Von dieser Erfolgsgeschichte können andere Regionen profitieren und Modelle übernehmen, wie die Energiewende zum wirtschaftlichen Aufschwung von Regionen genutzt werden kann.“ Im Rhein-Hunsrück-Kreis werde mit Pachtverträgen, Steuern von Windradbetreibern sowie Einspeisevergütungen für Bürger und Genossenschaften jährlich eine Wertschöpfung von rund 50 Millionen Euro erwirtschaftet.

Der Rhein-Hunsrück-Kreis zwischen Boppard am Rhein und dem Flughafen Hahn litt in den 90ern unter hoher Arbeitslosigkeit, Finanznot und Abwanderung. Etwa vor einem Vierteljahrhundert wurde das erste Windrad gebaut. „Heute haben wir zusammen mit dem Westerwaldkreis die niedrigste kommunale Verschuldung im Land. Sie liegt bei 20 Prozent des Landesdurchschnitts“, erläutert Uhle. Die Kommunen im Kreis hätten Rücklagen von 85 Millionen Euro. Allein die Pacht von Windrädern auf kommunalen Grundstücken spülten den Gemeinden jedes Jahr etwa sieben Millionen Euro in die Kassen. Über einen Solidarpakt profitierten auch Nachbardörfer ohne Windräder.

Die Energiewende im Rhein-Hunsrück-Kreis mit 102 000 Bürgern in 137 Städten und Gemeinden ist vielfältig. 17 kommunale Nahwärmenetze versorgen viele Häuser meist auf Basis verheizter Holzhackschnitzel. Mit Baum- und Strauchschnitt aus Gärten werden auch größere Gebäude geheizt, etwa Schulen und Kitas. Insgesamt vermeiden die Nahwärmenetze Uhle zufolge jährlich fast drei Millionen Liter Heizöl. Die Windpacht finanziert mancherorts den Austausch von herkömmlichen Glühbirnen gegen stromsparende LED-Lampen. Für Solaranlagen, stromsparende Haushaltsgeräte und andere Maßnahmen können laut Uhle Zuschüsse fließen – bis zu 6000 Euro je Haushalt.

Schwieriger ist die Energiewende beim Verkehr. Für Oktober kündigt Landrat Marlon Bröhr (CDU) ein neues Projekt an: In mehreren Dörfern werde je ein Elektroauto für Bürger bereit stehen. „Wir wollen Car-Sharing auf dem Land testen. Für die Bürger ist das kostenlos.“

Experten aus rund 50 Staaten sind schon zum Austausch angereist, auch der Präsident des internationalen Wissenschaftler- und Parlamentariernetzwerks Energy Watch Group, Hans-Josef Fell: „Der Kreis ist ein bestes Beispiel dafür, wie der Strukturwandel zum Beispiel in den Kohleregionen bewältigt werden könnte und gleichzeitig umfassender Klimaschutz verwirklicht werden kann“, sagt Fell.