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Wenn das Krankenhaus um die Ecke schließt

Bertelsmann-Studie : Wenn das Krankenhaus um die Ecke schließt

Ist weniger mehr? Einer Bertelsmann-Studie zufolge könnte die Versorgung der Patienten in Deutschland durch die Schließung von mehr als jedem zweiten Krankenhaus erheblich verbessert werden.

In Deutschland ist mehr als jedes zweite Krankenhaus überflüssig. Und dabei könnte sich die Versorgungsqualität sogar noch verbessern. Zu diesem Schluss kommt eine am Montag veröffentliche Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung. Die Reaktionen fielen gemischt aus.

Viele Bürger wissen das Krankenhaus „um die Ecke“ zu schätzen. Und tatsächlich ist Deutschland Europameister bei der stationären Versorgung: Auf 1000 Einwohner kommen im Schnitt etwa acht Krankenhausbetten. In Frankreich sind es nur etwa sechs und in der Schweiz weniger als fünf. Allerdings sagt das noch nichts über die Qualität der Behandlung aus.

Gesundheitsforscher des Berliner IGES-Instituts haben sich deshalb im Auftrag der Bertelmann-Stiftung mit der Frage beschäftigt, wie die Krankenhauslandschaft in Deutschland aussähe, würde sie sich nicht in erste Linie an einer schnellen Erreichbarkeit orientieren, sondern an Kriterien wie etwa einer gesicherten Notfallversorgung und einer ausreichenden Erfahrung des medizinischen Personals. Ihre Antwort: In vielen Fällen kann es für Patienten besser sein, zu einer Klinik weitere Anfahrtswege in Kauf zu nehmen als höchstens eine halben Stunde, wie es die Politik gern hätte. Von den derzeit rund 1400 allgemeinen Krankenhäusern würden dann nur noch „deutlich unter 600“ benötigt.

Dahinter steckt die durch mehrere Untersuchungen belegte Erkenntnis, dass kleinere Einrichtungen mit vergleichsweise wenigen Patienten oft bei der Ausstattung sowie dem ärztlichen Know-how zu wünschen übrig lassen. Im Durchschnitt verfügen deutsche Kliniken über weniger als 300 Betten, ein Drittel sogar nur über maximal 100. Ebenfalls jede dritte Klinik hatte 2017 zum Beispiel keinen Computertomographen (CT). Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) arbeiten zudem nur zwei Drittel der Einrichtungen wirtschaftlich.

Auf der anderen Seite könnten fünf Millionen Klinik-Patienten pro Jahr genauso gut ambulant behandelt und operiert werden, heißt es in der Bertelsmann-Studie. Im Ergebnis schlagen die Experten eine neue Klinikstruktur vor. Neben Versorgungskrankenhäusern mit durchschnittlich 600 Betten und etwa 50 Unikliniken sollte es Maximalversorger mit durchschnittlich 1300 Betten geben. Die alten Grundversorger sollten abgeschafft werden.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen reagierte grundsätzlich positiv auf die Vorschläge. „In den Ballungszentren haben wir tatsächlich zu viele Kliniken, die rein unter Versorgungsaspekten nicht notwendig wären“, hieß es dort. Die Ausgaben für Krankenhausbehandlungen sind mit rund einem Drittel vom Gesamtbudget der größte Einzelblock bei den Kassen.

Zurückhaltender zeigte sich der renommierte Bremer Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske: „Richtig ist zweifellos, dass komplizierte Operation besser in einem spezialisierten Krankenhaus vorgenommen werden sollten. Das Qualitätskriterium muss stärker im Vordergrund stehen“, sagte er unserer Redaktion. Dass dadurch mehr als die Hälfte der Kliniken überflüssig würden, sei allerdings eine „sehr gewagte These“. Realistisch wären etwa 20 bis 25 Prozent weniger, meinte Glaeske. Auch im Bundesgesundheitsministerium kann man der Untersuchung offenbar wenig abgewinnen: Es gehe nicht nur um „die schiere Anzahl von Häusern“, sondern „vor allem eine erreichbare und qualitativ hochwertige Versorgung“, erklärte eine Sprecherin.

Deutlicher wurde die SPD-Gesundheitsexpertin Hilde Mattheis: „Von solchen pauschalen Zahlenspielen halte ich gar nichts“, erklärte sie auf Anfrage. Und der Parlamentarische Geschäftsführer der Linken, Jan Korte, nannte die Vorschläge gar einen „Anschlag auf die Menschen in den ländlichen Regionen“.