Wenn alte Wunden neue Ängste wecken. Warum die AfD vor den Wahlen in Sachsen und Brandenburg hohe Umfragewerte einfährt.

Wahlen in Sachsen und Brandenburg : Wenn alte Wunden neue Ängste wecken

Brandenburg und Sachsen stehen vor einem entscheidenden Tag. Vor den Landtagswahlen fährt die AfD hohe Umfragewerte ein. Was hat das mit den Ostdeutschen zu tun?

„Wenn man etwas lange verschweigt, dann kocht es später hoch“, sagt Klaus Zimmerling. Er ist Winzer, 59 Jahre alt und gebürtiger Leipziger. Zimmerling findet, dass manche Fehler beim Zusammenwachsen der zwei deutschen Staaten nicht richtig zur Sprache gekommen sind. „Es gibt auf jeden Fall Punkte, an denen es ungerecht gelaufen ist. Und das wurde natürlich verschwiegen.“ So beschreibt Zimmerling ein Gefühl, das vielerorts gärt. Das Bauchgrimmen dürfe aber kein Grund sein, jetzt die AfD zu wählen, schiebt er sofort hinterher.

Bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen am 1. September könnte die Alternative für Deutschland trotzdem stark zulegen. Und so die politische Landschaft umwälzen. Und selbst wenn der Erfolg der Populisten weniger deutlich ausfällt: Die Frage, wo Ärger und Unzufriedenheit ihre Wurzeln haben, bleibt.

Zimmerling blickt von der Rysselkuppe, dem ehemaligen Pillnitzer Königlichen Weinberg, auf das Elbtal. „Uns geht es gut. Wir können Möglichkeiten nutzen, die wir früher nicht hatten“, erzählt er über sich und seine Frau, die Künstlerin Malgorzata Chodakowska. Seine Weine sind weit über Sachsen hinaus erfolgreich.

Auch wenn sich der Freistaat wirtschaftlich früh zum Ost-Champion mauserte: In der Nachwendezeit habe es zum Beispiel Probleme gegeben mit sogenannten Aufbauhelfern, die aus dem Westen in die Verwaltungen einzogen. „Wenn ich mit den Leuten nicht aufgewachsen bin, komme ich auch schlecht mit ihnen in Kontakt.“ So seien Bedürfnisse der Ex-DDR-Bürger zu kurz gekommen. Für das Erstarken der AfD macht er auch den Umgang der etablierten Parteien mit dem Protest der Unzufriedenen verantwortlich. Nicht fragen und nicht zuhören – dieses Muster meint er heute wiederzuerkennen. „Die Politik hat dann den Fehler gemacht, alle sofort nach rechts zu schieben und alle in dieses Schubfach zu drängen, nur um ihnen eins auf die Klappe zu geben, anstatt sich mal zu fragen, warum diese Menschen eigentlich unzufrieden sind.“

Der schnelle Sprung vom Sozialismus in den Kapitalismus 1989/90 sei nach wie vor ein prägendes Element der ostdeutschen Befindlichkeit, betont Christian Werner. „Das können die Leute im Westen nicht verstehen“, sagt der Spielzeugmacher aus Seiffen im Erzgebirge. Unternehmerische Fähigkeiten habe es zu wenig gegeben im Osten, sagt der 61-Jährige. West-Unternehmer hätten deshalb leichtes Spiel gehabt, Betriebe zu übernehmen. „Aber heute muss ich sagen, wie hätte man es besser machen sollen mit dieser Wende?“ Seinen Mitarbeitern würde er gern höhere Löhne zahlen. „Aber das ist immer noch nicht drin“, sagt Werner. „Wir sind nicht weit vom Mindestlohn entfernt.“ Das ist nichts wirklich Besonderes in Sachsen, wo 2017 von 1,7 Millionen Arbeitsstellen rund 121 000 nur mit Mindestlohn vergütet wurden. Das mittlere Einkommen für einen Vollzeitjob lag da bei 2479 Euro brutto im Monat – 860 Euro unterm Westschnitt. Dann erzählt Werner vom Gefühl des Abgehängtseins. „Wir sind extrem weit ab von den Verkehrswegen, wir haben auch dieses schnelle Internet nicht, so dass wir hier auch moderne Berufe schlecht ansiedeln können.“

Wenn Kartoffelbauer Ulrich Gündel im Vogtland auf seinem Acker steht, lobt er, was die Wende ihm gebracht hat. „Ich bin froh, dass es so gekommen ist.“ Der Agrarökonom bewirtschaftet den Hof in Reichenbach in fünfter Generation – und wieder selbstständig. Seine Eltern hätten sich unter dem Druck des DDR-Systems 1973 einer Landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaft anschließen müssen, erzählt der 59-Jährige. „Es macht mir Angst, dass sich Populisten so viel Gehör verschaffen können“, sagt Gündel. „Wenn wir zehn Millionen Arbeitslose hätten und es wirtschaftlich richtig bergab ginge, dann würde natürlich zu Recht auf die Regierung geschimpft. Aber das haben wir ja nicht. Und dennoch fordern viele jetzt einen Machtwechsel.“

In Sachsen hat sich die Arbeitslosenquote (5,3 Prozent/Juli), die im Osten zeitweise über 20 Prozent betrug, heute dem Bundesschnitt angenähert. Thüringen (5,2) liegt ähnlich, in Brandenburg sieht es mit 5,7 Prozent etwas schlechter aus.

Von verlorenem Vertrauen in die großen Parteien berichten auch Brandenburger, die es zu einem AfD-Diskussionsabend nach Falkensee bei Potsdam gezogen hat. „Sie haben es einfach nicht mehr drauf“, sagt ein Rentner über etablierte Parteien. „Die reden, reden, reden – nichts passiert.“ Eine ältere Frau erzählt, sie sei seit rund einem Jahr AfD-Mitglied. Ihren Namen möchte sie nicht preisgeben. Sie habe Angst, dass Familienmitglieder damit konfrontiert werden könnten. „Ich habe jetzt wieder das Gefühl, dass wir nur flüstern und unsere Meinung nicht sagen dürfen“, sagt sie. Das erinnere sie an DDR-Zeiten. Zu den älteren Parteien habe sie kein Vertrauen mehr.

Sand wirbelt auf, als Christina Grätz ihren Geländewagen durch das unwegsame Gebiet im Tagebau Jänschwalde bei Cottbus in Brandenburg steuert. Die Biologin begrünt für und mit dem Tagebaubetreiber Leag nicht mehr benötigte Flächen neu. Über Generationen verdienten Familien hier ihr Geld in der Kohleindustrie. Tausende Menschen sind es heute noch. Deutschland wird – so der Plan – für den Klimaschutz aus der Braunkohleverstromung aussteigen. Die Lausitzer haben schon einmal einen Strukturwandel erlebt, nach der Wende. Zehntausende Jobs brachen weg. Grätz schlägt eine Verbindung zu den Erfahrungen von damals. „Gerade hier in der Lausitz könnte das auch ein Grund sein, warum viele Menschen jetzt wieder Angst haben, wenn die Braunkohle wahrscheinlich wegfällt. Sie werden zurückversetzt in die Zeit, wo eine große Ungewissheit und Unsicherheit herrschte.“

Die Unzufriedenheit, die Angst und die Sympathie mancher für die AfD registriert Grätz um sich herum. Verstehen kann die 44-Jährige es nicht. „Ich kenne kaum noch Leute, die arbeitslos sind. Allen geht es eigentlich gut, alle haben ein Auto und fahren in Urlaub.“

Der Philosophieprofessor Stefan Gosepath von der Freien Universität Berlin verweist auf die Größe der Herausforderung: Vor 30 Jahren mussten sich viele nicht nur finanziell und politisch umgewöhnen, sondern auch kulturell. Noch schwieriger sei es geworden, als die Globalisierung greifbar wurde.

Auf der Fahrt zwischen Cottbus und dem südlicheren Senftenberg fällt auf: In den Ortschaften hängen viele AfD-Wahlplakate. Der Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, Manuel Soubeyrand, ärgert sich über deren Slogans wie „Wende 2.0“ und „Vollende die Wende“. Vor 30 Jahren habe es Mut gebraucht, um mit einem Satz wie „Wir sind das Volk“ auf die Straße zu gehen, sagt der 62-Jährige, der in Ost-Berlin aufwuchs.

Kai Noack ist Geschäftsführer des Albert-Schweitzer-Familienwerks Brandenburg. In den Räumen der Cottbuser Tafel rückt er Kisten mit Gemüse zurecht. Sorge bereitet dem 47-Jährigen, dass viele Menschen sich zwar eine Existenz aufgebaut hätten, es aber nicht schafften, für später vorzusorgen. Was den Sozialpädagogen auch umtreibt, ist der Umgang mit Zuwanderung – gerade seit dem Anstieg 2015. Der größte Unterschied zum Westen sei in den ostdeutschen Kleinstädten und Dörfern die geringe Anzahl an Menschen mit Zuwanderungsgeschichte gewesen, sagt er. Die Folge: „Jetzt bestehen Ängste: Da kommt jetzt jemand, der uns etwas wegnimmt.“ In den Tafeln würden Helfer mit Migrationshintergrund schon mal „böse angefeindet“ von Tafelkunden. Ende 2018 lag der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Deutschland offiziell bei gut 13 Prozent. In Brandenburg waren es 4,9 Prozent, in Sachsen 5,1 Prozent – also weit unter Bundesschnitt. In beiden Ländern entwickelten sich zugleich über Jahrzehnte rechte Hot-Spots, Brennpunkte.

Angst vor einer unsicheren Zukunft, der Frust über Dörfer, die überaltern, und Politiker, die nach Meinung vieler nicht genug Einfluss auf die Entwicklung nehmen und nicht genug zuhören – das dürfte die Wahlen in den Ost-Ländern beeinflussen. Experten registrieren, dass diese Gefühle auch im restlichen Land eine Basis haben. „Die Erfahrung mangelnder Wertschätzung wird im öffentlichen Diskurs vor allem als ein ostdeutsches Problem thematisiert, obwohl sie ein gesamtdeutsches Problem darstellt“, stellte der Umfrageforscher Stephan Grünewald im Frühjahr in seinem Buch „Wie tickt Deutschland?“ fest. Der Politikwissenschaftler Hans Vorländer von der TU Dresden widerspricht der These, dass sich vor allem die geplatzten Wende-Illusionen im Osten zugunsten der AfD auswirkten. „Ich bin gegen Generalisierungen. Wenn man mal die 25 Prozent nimmt, die die AfD in Umfragen stabil erhält, dann gibt es auf der anderen Seite auch 75 Prozent, die mit der AfD nichts am Hut haben.“

Der schnelle Sprung vom Sozialismus zum Kapitalismus prägt nach wie vor die Menschen im Osten, findet Spielzeugmacher Christian Werner. Foto: dpa/Sebastian Kahnert
Wenn die Braunkohle wegfällt , fühlen sich die Menschen in eine Zeit großer Unsicherheit zurückversetzt, glaubt Diplom-Biologin Christina Grätz. Foto: dpa/Patrick Pleul
AfD-Plakate mit der Aufschrift „Wende 2.0“ oder „Vollende die Wende“ ärgern Manuel Soubeyrand, Intendant der Neuen Bühne Senftenberg. Foto: dpa/Patrick Pleul
Landtagswahlen_in_Brandenburg_und_Sachsen. Foto: SZ/Steffen, Michael

Bei den grundsätzlichen Motiven, sein Kreuz bei der AfD zu machen, sieht auch Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen in Ost und West kaum Unterschiede. Allerdings seien die Voraussetzungen für eine AfD-Nähe im Osten häufiger gegeben als im Westen.