Weltklimarat fordert Umkehr bei Landwirtschaft

Bericht des Weltklimarats : Kühe, Klimakrise und Kehrtwende

Die Klimaforscher befeuern mit einem neuen Bericht die Debatte über Maßnahmen gegen die Erderwärmung. Vor allem in der Landwirtschaft sehen sie große Probleme – und mahnen.

Weniger Fleisch, bewusster Einkaufen, sparsamer Wegwerfen: Wer künftig nicht unter noch mehr Hitze stöhnen will, kann mit klimafreundlichem Umdenken beim Nahrungsmittel-Konsum viel bewirken. „Mit anderer Ernährung könnten bis 2050 Millionen von Quadratkilometern Landfläche frei werden“, schreibt der Weltklimarat IPCC in seinem neuen Bericht. Die Belastung der Atmosphäre mit Kohlendioxid aus der Landwirtschaft würde das deutlich mindern. „Und gesünder wären weniger tierische Produkte obendrein“, sagt Mitautor Alexander Popp vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und ergänzt: „Wir haben einen Überkonsum an Kalorien.“

Der Appell aus Genf ist deutlich. Deutlich wie bisher kaum ein anderes Papier haben 107 Wissenschaftler aus 52 Ländern nach der Auswertung von mehr als 7000 Studien die Rolle der Land- und Forstwirtschaft beim Klimawandel betont. Sie ist groß. Fast ein Viertel aller vom Menschen verursachten Treibhausgase, die den Planeten mehr und mehr aufheizen, stammt demnach aus der Bestellung des Bodens. Der umsichtige Umgang mit Mutter Erde sei daher oberstes Gebot. „Alle Akteure müssen zusammenspielen“, sagt die deutsche Co-Autorin und Klimaforscherin Almut Arneth vom Karlsruher Institut für Technologie. „Wir können nicht weitermachen wie bisher.“ Denn es drohen Gefahren.

„Die Landflächen stehen unter einem wachsenden, von Menschen erzeugten Druck“, sagt der Vorsitzende des Gremiums, Hoesung Lee. Zugleich liege im Umgang mit dem Land auch ein Teil der Lösung. „Aber die Landflächen können es nicht alleine richten.“

Die Autoren gehen davon aus, dass Hitzewellen und Dürren nicht nur rund um das Mittelmeer zunehmen werden. In vielen Regionen werden zudem häufiger extreme Regenfälle vorkommen. Damit drohe Gefahr für die sichere Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser- und Nahrungsknappheit. Es gehe deshalb darum, die ganze Kette der Erzeugung und des Konsums zu überdenken. Die Forscher werben für ausgewogene Ernährung, die verstärkt auf Gemüse, Getreide und tierische Waren aus nachhaltiger Produktion setzt. Für die Massentierhaltung von Schweinen und Rindern werde mehr Platz benötigt, zudem entstünden mehr Treibhausgase. Vor allem Wiederkäuer wie Kühe tragen zur Emission im Agrarsektor bei, weil sie beim Verdauen Methan erzeugen und ausstoßen – ein Gas, das noch klimawirksamer ist als CO2. Also Weg von der Kuh, hin zu mehr Flächen für Lebensmittel und Bäume? Ja, sagen die Forscher. Und noch mehr.

Eine wichtige Stellschraube wäre auch weniger Abfall auf dem Feld, beim Transport – und in der Küche. Aktuell gehen dem Weltklimarat zufolge weltweit 25 bis 30 Prozent der produzierten Lebensmittel verloren.

Neben dem Umdenken in der Küche plädiert der Weltklimarat dafür, Wälder und Moore zu schützen, Aufforstung voranzutreiben, die Landwirtschaft auf klimaschonende Methoden umzustellen. „Der Weltklimarat ruft die Alarmstufe Rot für unsere Landnutzung aus“, meint Leif Miller vom Naturschutzbund Deutschland. Nicht nur der weltweite Öl-, Gas- und Kohleverbrauch heize das Klima an, sondern auch die viel zu intensive Nutzung der Landflächen.

Wie viel Zeit bleibt noch, das Ziel das Pariser Klimaschutzabkommens, die Klima-Ewärmung bei deutlich unter zwei oder gar bei 1,5 Grad im Vergleich zu vorindustriellen Werten zu bremsen? Die Wissenschaftler werden in Genf nicht konkret, machen aber mit ihrem Bericht mächtig Druck. Schon jetzt liege die Erwärmung über den Landflächen bei 1,53 Grad. Der Bericht wolle nicht nur die Politiker aufrütteln, sondern auch die Öffentlichkeit, sagt Mitautor Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. „Die Temperaturspitzen dieses Sommers werden uns als gering und harmlos erscheinen“, sagt Pörtner mit Blick auf eine Welt, die sich noch weiter aufheizt. Und der Weltklimarat sieht nicht nur die Politik gefordert. „Ohne Verzicht wird es nicht gehen“, sagt Klimaforscherin Arneth. „Was man gewinnt, ist aber mehr wert, als das, was man verliert“, sagt sie.

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