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Warum Atomkraft kein Heilsbringer gegen den Klimawandel ist

Zukunftsweisende Technologien : Kritik an Atomkraft als Heilsbringer gegen Klimawandel wächst

Zehn Jahre nach dem Super-Gau von Fukushima gilt die Kernenergie manchen als zukunftsweisende Technologie. Umweltpolitiker und Grüne halten dagegen.

Auf den Tag genau zehn Jahren ist es her, dass die Atomkatastrophe von Fukushima ihren Anfang nahm. Die dichte Aneinanderreihung von Katastrophen zog in Deutschland eine politische Heckwelle nach sich: Bereits drei Tage nach dem Erdbeben, am 14. März, setzte die Bundesregierung die beschlossenen längeren Atomlaufzeiten für drei Monate aus. Ende Juni 2011 war Atomausstieg bis 2022 durch den Bundestag abgesegnet und damit beschlossene Sache. Acht Atomkraftwerke wurden sofort stillgelegt.

„Wer meint, Atomkraft wäre nur damals gefährlich gewesen, irrt“, sagt Katrin Göring-Eckardt, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag. „In Fukushima gibt es auch zehn Jahre nach dem Super-Gau keinen Plan, wie die geschmolzenen Brennstäbe geborgen werden können.“ Verstrahltes Wasser würde einfach in den Pazifik geleitet werden. „Das ist verantwortungslos“, sagt Göring-Eckardt. Deutschland müsse bei Lösung seines Atommüll-Problems einen anderen Weg gehen und brauche „ein streng wissenschaftliches und transparentes Verfahren“. Die Grundlage für ein solches Verfahren soll das Standortauswahlgesetz von 2017 bilden. Derzeit läuft die Endlagersuche.

Zehn Jahre sind zugleich aber eine Zeitspanne, in der sich der Schrecken der Atomkraft offenbar für manche verflüchtigt hat. Und so wird die Kernenergie auch als potenzieller Helfer im Kampf gegen den Klimawandel diskutiert. Kann Atomkraft eine zukunftsfähige Lösung sein? Friedrich Merz plädierte im Rennen um den CDU-Vorsitz mehrfach für die Entwicklung sogenannter „Dual-Fluid-Reaktoren“. „Das ist eine Energieerzeugung, die sogar mit abgebrannten Kernbrennstoffen möglich wäre und deshalb helfen könnte, das Endlager-Problem zu lösen“, so Merz. Kurzum: Pro-Atom-Argumente werden im Angesicht der Klimakrise offenbar wieder salonfähig.

Allerdings ist Merz’ Position auch in seiner eigenen Partei keinesfalls konsensfähig. „Die Kernenergie mag in manchen Ländern als klimafreundliche Energiequelle gelten, für Deutschland ist das keine Zukunftsoption“, sagt Marie-Luise Dött, umweltpolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag.

Deutlich vehementer ist der Widerstand aus dem Bundesumweltministerium. „Es wäre ein fataler Irrtum, sich von der Atom­energie einen nennenswerten Klimaschutzbeitrag zu versprechen“, sagt Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth. „Mal abgesehen von Unfallgefahr und Atommüll – mit einem Anteil von rund fünf Prozent im weltweiten Energiemix kann sie schon deshalb nichts Substanzielles beitragen.“ Die Atomkraft sei zudem schlicht zu teuer.

In Deutschland sind die Folgen des Atomausstiegs unmittelbar präsent – und zwar in Form von milliardenschweren Ausgleichszahlungen an die Energiekonzerne. Knapp 2,43 Milliarden Euro erhalten die Konzernen Vattenfall, RWE, Eon/PreussenElektra und EnBW vom Bund als Entschädigung für den Atomausstieg.

Grünen-Fraktionschefin Göring-Eckardt sieht in den Milliardenzahlungen vor allem ein Versäumnis der Bundesregierung. Sie seien „die Rechnung für das Hin und Her der letzten Regierungen“. „Der Atomausstieg war bereits rechtssicher vereinbart gewesen. Die erneuten Verlängerungen von Schwarz-Gelb der Laufzeiten haben den Bund Milliarden gekostet“, kritisiert die Grünen-Politikerin.

Flasbarth hält dagegen. „Manche Kritiker scheinen nicht verstanden zu haben, dass der Großteil des Ausgleichs aus der 2011 parteiübergreifend beschlossenen Beschleunigung des Atomausstiegs resultiert.“ Die Beschleunigung sei richtig gewesen. Die Einigung sei zu einem Preis gelungen, der deutlich unter den Vorstellungen der Unternehmen liege und auch deutlich unter der Summe, die vor einem Schiedsgericht in Washington im Raum stand, erklärt Flasbarth. „Das ist aus meiner Sicht darauf zurückzuführen, dass die gesamte deutsche Energiewirtschaft heute mittlerweile ganz auf die Erneuerbaren ausgerichtet ist und auch die Konzerne strategisch mit der alten Strom-Welt abgeschlossen haben“, sagt Flasbarth.