Vom Ende einer Ehe: Kinder leiden unter Psycho-Terror

Tag der gewaltfreien Erziehung : Wenn der Krieg der Eltern für Kinder zur Hölle wird

Gewalt in der Ehe – auch durch Worte – kann nicht nur Erwachsenen massiven Schaden zufügen. Ein Erfahrungsbericht zum Tag der gewaltfreien Erziehung.

Dass Experten in ihr ein Opfer häuslicher Gewalt sehen würden, ahnt Britta Schulte lange nicht. In ihrer Ehe werden Konflikte schließlich nicht mit Fäusten ausgetragen. Jahre später allerdings hat sie erkannt, was sich auf psychischer Ebene abspielte: „Mich klein machen, verunsichern, anschreien, selbst in die Opferrolle schlüpfen, harmlos daherkommen...“ – ihr Ex-Mann habe viele Tricks gehabt, um sich in die Rolle des Stärkeren zu versetzen, sagt die Mittdreißigerin aus Berlin.

Die psychische Gewalt gegen die Mutter geht an der gemeinsamen Tochter Luisa (Namen von Tochter und Mutter geändert) nicht spurlos vorbei. Der heutige Teenager habe von klein auf viel Streit zwischen einer überspannten Mutter und einem oft abwesenden Vater mitbekommen, bilanziert Schulte rund zehn Jahre nach der Trennung. „Auf Kinder hat psychische Gewalt wesentlich stärkere Auswirkungen als man früher glaubte. Sie werden Zeugen und dadurch zu Mitbetroffenen“, sagt Sabine Bresche vom Kinderschutzbund in Berlin, die Schulte jahrelang beriet. Kindliche Grundbedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit und Schutz könnten in solchen Fällen unerfüllt bleiben.

„Ich war immer unter Nervenstress“, sagt Schulte. Sie möchte anonym bleiben und dennoch vor dem Tag der gewaltfreien Erziehung an diesem Dienstag auf das verbreitete Phänomen psychischer Gewalt hinweisen. Denn zum Recht von Kindern auf gewaltfreie Erziehung heißt es im Gesetz ausdrücklich, „seelische Verletzungen“ seien unzulässig, genau wie körperliche Bestrafungen. Psychische Gewalt äußere sich etwa mit systematischen Herabwürdigungen, Schuldzuweisungen oder Unterstellungen und werde oft spät oder gar nicht erkannt, sagt Expertin Bresche. Schulte sei vom Ex-Partner so stark verunsichert worden, dass sie an ihren eigenen Wahrnehmungen zweifelte. In der Beratung sei es zunächst darum gegangen, der Frau die Augen zu öffnen, dass sie es mit einer Form häuslicher Gewalt zu tun habe. Schulte hatte sich an den Kinderschutzbund gewandt, weil mit zunehmendem Alter Luisas kritische Vorfälle während der Zeit beim Vater ans Tageslicht kamen. Darunter Abende, an denen er die damals noch kleine Luisa allein in der Wohnung zurückließ, etwa um sich mit Freunden zu treffen. Das bis heute starke Heimweh Luisas beispielsweise auf Klassenfahrten hängt in den Augen der Mutter mit solchen Erfahrungen zusammen.

Schuldeingeständnisse des Vaters habe es nie gegeben, sagt Schulte. Stattdessen habe er nach der Trennung E-Mail-Salven mit subtilen Drohungen und unangemessenen Forderungen nach Treffen abgefeuert. In den Beratungsgesprächen, teils auch mit dem Ex-Mann, gelang es nach und nach, für klare Verhältnisse zwischen den einstigen Eheleuten zu sorgen und den Kontakt von Vater und Tochter einvernehmlich auf wenige Termine im Jahr einzuschränken. Weil Eingreifen bei psychischer Gewalt sehr schwer sei, gehe es selten so aus, sagt Bresche. Oft endeten solche Fälle vor Familiengerichten.

Macht das Trennungs- oder Scheidungskinder automatisch zu Opfern psychischer Gewalt? „Es ist bei Kindern sehr individuell, was als Gewalt erlebt wird“, sagt Janina Klein von der Opferhilfe Berlin. Zu den Folgen psychischer Gewalt bei Kindern zählten zum Beispiel Rückschritte in der Entwicklung wie Einnässen, Aggression, Schlafstörungen oder Loyalitätskonflikte. Damit die Betroffenen Zugang zum Hilfesystem bekommen, sei es wichtig, die Anzeichen in Kitas, Schulen oder Vreinen zu erkennen und nicht zu tabuisieren. Für Schulte ist nach langer Aufarbeitung mit Expertenhilfe vieles klarer. Und Luisa? Insgesamt hat die Mutter nicht den Eindruck, dass ihre Tochter bleibenden Schaden durch die lange Zeit der Auseinandersetzungen davongetragen hat. Dass sie auch das Heimweh bewältigen wird, glaubt die Mutter fest.