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Vizepräsidentin Göring-Eckardt will mehr Bewusstsein für Sprache

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt für Parlamentspoeten : „Kein Abgeordneter muss jetzt reimen“

Eine Welle der Kritik ist über Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) hinweg geschwappt, weil sie den Vorschlag von Autorinnen und Autoren für eine Parlamentspoetin unterstützt. Göring-Eckardt bleibt dabei: Die Idee sei „großartig“. Mehr gute Sprache würde dem Parlament guttun.

Frau Göring-Eckardt, hat Sie der Gegenwind für die Idee überrascht?

Göring-Eckardt Der Vorschlag soll aufrütteln. Da gehört Widerstand dazu. Bedauerlich ist, wie schnell heutzutage eine offene, konstruktive Debatte durch bewusstes Missverstanden verunmöglicht werden soll. Die Ideengeber haben sich Gedanken über unsere Kultur und Sprache gemacht. Gerade in Zeiten, in denen auch im Deutschen Bundestag Populismus Einzug hält, finde ich das sehr unterstützenswert. Es geht nicht um Schönreden, sondern um einen unverstellten, anderen Blick auf die politischen Debatten in unserem Land; selbstverständlich frei und parteiunabhängig.

Abseits davon, viele Kritiker fragen, ob es politisch nichts Wichtigeres gibt.

Göring-Eckardt Ich habe großes Verständnis für Menschen, die sagen, ich bin gerade in einer echt schwierigen Situation, ist das wirklich das Thema? Denen antworte ich: Es ist natürlich nicht das Thema. Aber es ist eine Form, über Themen zu reden.

Halten Sie also am Vorschlag des Parlamentspoeten fest?

Göring-Eckardt Natürlich. Ich finde, das ist eine großartige Idee, die wir ernsthaft diskutieren sollten. Wie wir Sprache und Kultur auch im Parlament stärken können, da gibt es keinerlei Vorfestlegung, aber schon ein paar Ideen. Wir haben einen Kunstbeirat, der sich mit bildender Kunst beschäftigt; wir haben den Medienpreis des Deutschen Bundestages und vergeben den Wissenschaftspreis. Warum fördern wir nur da und nicht auch Lyrik und Poesie? Auch sie kann, ja sollte sich auch mit dem Parlamentarismus beschäftigen und gern mit unbequemen Impulsen zum Nachdenken beitragen. Nur Denken ist Fortschritt. Das ist doch für unsere Demokratie essentiell. Dass wir einen guten Umgang mit Sprache brauchen, dass jemand widerborstig gegenhält mit sprachlichen Mitteln, auf Widersprüche aufmerksam macht, das kann uns nur guttun.

Fehlt ihnen in Bundestagsreden die Poesie?

Göring-Eckardt Eine Parlamentspoetin soll keine politischen Reden im Plenum halten und kein Abgeordneter muss jetzt reimen. Grundsätzlich wünsche ich mir gerade auch im Hohen Haus ein stärkeres Bewusstsein für Sprache. Wir haben ganz oft sehr technokratische Reden und man denkt sich, wer versteht das jetzt da draußen? Parlamentsdebatten sind auch dafür da, dass Menschen verstehen, worum es geht. Da haben wir noch viel Luft nach oben.

Was entgegnen Sie auf den Vorwurf, es brauche keine Hofdichter?

Göring-Eckardt Darum geht es nicht. Es soll kritisch aufs Maul geschaut werden. Selbst der Hofnarr hat immer den Spiegel vorgehalten. In welcher Form Poeten das machen, ist ihnen überlassen. Wer jetzt von wohlgefälliger Lyrik schreibt, nimmt die Freiheit der Kunst nicht ernst.

Wie viele Parlamentspoeten sollen es denn sein? Und wollen Sie Gedichtvorträge vor jeder wichtigen Veranstaltung im Bundestag?

Göring-Eckardt Die Freiheit der Kunst besteht auch darin, dass man nicht vorgibt, was die Form ist. Ich wünsche mir, dass wir über unser Verhältnis zur Kultur, ihre Bedeutung für unser Zusammenleben jetzt offen und breit diskutieren. Die drei Initiatorinnen haben gesagt, wie sich das vorstellen. Das ist ein guter Ausgangspunkt. Ich kann mir auch gut einen Wettbewerb vorstellen oder auch eine Förderung mit einem Stipendium. Vieles ist möglich.

Aber wie wollen Sie vorgehen?

Göring-Eckardt Die Idee gehört zunächst ins Präsidium des Bundestages. Dafür werde ich sorgen. Dann werden wir dort in Ruhe beraten, frei von Populismus und ernsthaft in der Sache. Wenn man miteinander in Ruhe spricht, lösen sich vielleicht ja auch Missverständnisse.

Spielt die Lyrik und Dichtung inzwischen eine zu geringe Rolle in der Gesellschaft?

Göring-Eckardt Unser Umgang mit Sprache hat auch was mit Respekt und Wertschätzung zu tun. Sie geht in der Schnelllebigkeit oftmals unter. Poesie ist doch gerade alles andere als elitär: Sie kann auf ganz unterschiedliche Weise Kraft entwickeln, egal, ob es ein schöner Text ist, ein kurzer Reim oder Musik und egal, woher man kommt. Für mich öffnen Gedichte den Horizont, für jemandem anderen, mag es vielleicht Rap sein. Unsere Sprache ist vielfältiger, als manche glauben. Ich habe mal AfD-Chef Chrupalla vor einer Talkshow einen Band mit den schönsten deutschen Gedichten geschenkt, nachdem er sich darüber aufgeregt hatte, in Schulen würden zu wenige davon gelernt - und dann selber kein einziges kannte. Kanada hat übrigens eine Parlamentspoetin, viele kennen auch Amanda Gorman und waren schwer beeindruckt von ihrem Vortrag vor der Vereidigung von Joe Biden.

Was ist denn ihr Lieblingsgedicht?

Göring-Eckardt Kein modernes, sondern ein ganz altes: Das Hohelied der Liebe. Nach längerem Nachdenken bin ich immer wieder auf dieses biblische Gedicht gekommen.

(has)