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Virologe Hendrik Streeck: „Es wurde mir zu viel gewarnt“

Interview Hendrik Streeck : „Zu viele Ängste wurden geschürt“

Der Bonner Virologe über seine Erlebnisse in der Krise, eine neue Corona-Studie im Kreis Heinsberg und Kritik an politischen Entscheidungen.

Hendrik Streeck von der Uniklinik Bonn erforschte in der Heinsberg-Studie die Ausbreitung des Coronavirus. Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert der Virologe seine Einschätzung zur Pandemie.

Herr Streeck, die Uniklinik Bonn, an der Sie arbeiten, plant eine weitere Corona-Studie im Kreis Heinsberg. Worum soll es da gehen?

STREECK Der Plan ist es, zu verstehen, ob bereits genesene Corona-Patienten sich wieder infizieren beziehungsweise wie lange eine Immunität nach überstandener Erkrankung andauert. Aber es gibt noch keine Entscheidung zur Förderung für die Studie. Deshalb ist es bislang auch wirklich nur eine Überlegung.

Wie lässt sich eine Immunität wissenschaftlich korrekt nachweisen?

STREECK Eine grundsätzliche Immun­antwort können wir im Reagenzglas mit einem Bluttest nachweisen. Die Frage ist aber, ob diese Immunantwort des Körpers auch mittel- oder langfristig gegen das Virus schützt. Und das können wir ja nur überprüfen, wenn eine genesene Person wieder in Kontakt mit dem Virus gekommen ist und keine Infektion stattgefunden hat.

An Ihrer ersten Studie in Heinsberg gab es Kritik, vor allem wegen der Präsentation der Zwische­­n­ergebnisse und der Beteiligung der Berliner Kommunikationsagentur Storymachine. Fühlten Sie sich damals ungerecht behandelt?

STREECK Ja. Ich habe damals nicht gemerkt, in was für eine politische Gemengelage ich da gerutscht war. Welche Landesregierung derzeit an der Macht ist, ist für mich als Forscher erstmal unerheblich. Die Freiheit der Wissenschaft findet sich im gleichen Paragrafen des Grundgesetzes wie die Pressefreiheit. Forscher sind unabhängig, gleichwohl brauchen sie Geld für ihre Forschung. Wir sind damals mit über 40 Studenten nach Gangelt gefahren und haben infizierten Menschen Blut abgenommen. Keiner der Studenten hat sich infiziert. Wir sind da hochprofessionell rangegangen. Um so eine Professionalität zu gewährleisten, braucht es einfach Geld. Deshalb waren wir froh, dass die Landesregierung einen Teil der Kosten übernommen hat. Ob die Landesregierung damit ein Wunschergebnis verbunden hat, ist für uns eine Nebensache. Solche Forschung verläuft immer ergebnisoffen. Und wenn ein Ministerpräsident da bestimmte Hoffnungen hineininterpretiert, kann er das gerne machen, aber die Resultate sind vollkommen ergebnisoffen. Ich finde es schade, dass es jetzt immer heißt: die umstrittene Heinsberg-Studie. Daran ist überhaupt nichts strittig. Diejenigen, die das behaupten, kennen entweder die Studiendaten nicht, oder sie bewerten die Studie nur anhand der Art, wie sie präsentiert wurde.

Und das Thema Storymachine?

STREECK Der Druck, der auf dieser Studie und damit auf mir lastete, war schon enorm. Das Interesse der Öffentlichkeit war immens. Jede Fernsehstation hat bei mir angefragt, ob man die Studie begleiten könne. Ich hatte mein E-Mail-Postfach sowie meinen Twitter- und Facebook-Kanal nicht mehr unter Kontrolle. In dieser Zeit hat mir ein Freund mit seiner PR-Agentur Storymachine Hilfe angeboten. Die habe ich angenommen. Ich finde daran nichts Verwerfliches. Wenn man gestresst nach Hause kommt und der Partner fragt einen, ob er für einen kochen soll, sagt man doch auch dankend: ja.

Bei den Hygiene-Demos wird immer wieder die Meinung vertreten, das Coronavirus sei im Vergleich zum Influenzavirus harmlos. Was denken Sie darüber?

STREECK Wir leben in einem demokratischen Staat, jeder kann seine Meinung äußern. Was diese Menschen aber nicht sehen, ist, dass sich das Virus nicht wegdemonstrieren lässt. Wir werden weiterhin damit leben müssen. Die Einschätzung, dass das Coronavirus harmloser sein soll, teile ich nicht. Es ist ein ernstzunehmendes Virus, das wir nicht bagatellisieren dürfen. Aber es ist genauso wichtig, nicht überzudramatisieren. Diese Gratwanderung ist entscheidend und nicht für jeden Menschen eindeutig. Bei dieser Pandemie haben wir es vor allem mit Angst zu tun. Die Menschen haben Angst vor dem Unbekannten. Das ist evolutionär betrachtet eine sinnvolle Eigenschaft, sorgt aber derzeit dafür, dass die Situation hitzig wird. Man wird dadurch leicht manipulierbar. Die Angst tritt dann nicht nur aufgrund des Virus auf, sondern auch aufgrund des drohenden Verlusts der Existenz. Darin steckt ein unglaubliches Potenzial der Vereinnahmung.

Haben auch Sie Angst?

STREECK Ich habe grundsätzlich Respekt vor dem Virus. Ich bin nicht entspannt. Ich habe die harmlosen wie die grausamen Seiten des Virus gesehen. Angst hatte ich, als enge Familienangehörige infiziert waren. Ich habe damals jeden Tag ein- bis zweimal angerufen und gefragt, wie es ihnen geht. Ich habe mir große Sorgen gemacht, weil beide auch deutliche Vorerkrankungen haben. Ich weiß von dem Virus, dass es am Anfang sehr harmlos sein kann, im späteren Verlauf dann aber plötzlich sehr gefährlich wird. Zum Glück ist es bei einem vorübergehenden Geruchs- und Geschmacksverlust sowie einem Kratzen im Hals geblieben.

Gab es politische Entscheidungen, über die Sie sich geärgert haben?

STREECK Ich bin immer noch der Meinung, dass wir zu schnell zu viele Eindämmungsmaßnahmen getroffen haben. Man muss dem Virus Zeit lassen. Ob Maßnahmen wirken, sehen wir erst zehn bis 14 Tage später. Diese Zeit hätten wir uns bei so manchen Verschärfungen nehmen sollen. Man konnte damals nicht mehr nachvollziehen, welche Maßnahme eigentlich am besten gegriffen hat. Virologisch gesehen hätte ich mir gewünscht, dass man mehr abgewartet hätte. Ich muss aber auch sagen, dass ich es verstehen kann, dass man sich so entschieden hat. Die Gefahr einer Infektionswelle, die das Gesundheitssystem womöglich überlastet hätte, war real. Wir dürfen sowieso nicht ausschließlich die virologische Sicht zurate ziehen. Wenn wir nur auf die Virologen hören würden, dürften wir keine Partys mehr feiern, keinen Sex mehr haben und uns nicht mehr küssen, weil dabei ja eine erhöhte Chance diverser Virusübertragungen besteht. Das würde das Leben ganz schön trist machen. Bis zu einem gewissen Grad ist die virologische Sicht interessant.

Warum sind Sie Virologe geworden?

STREECK Ich bin da mehr reingerutscht, ehrlich gesagt. Mich hat das Thema schon immer irgendwie fasziniert. Ich habe damals, 1995, den Film „Outbreak“ gesehen und fand das alles total spannend. Ich hatte auch immer ein Interesse an der Mikrobenwelt. Aber ich habe keine geradlinige Biografie, die mich direkt in die Virologie gebracht hat. Ich wollte erst Komponist werden, habe Musikwissenschaften und VWL studiert und bin dann über Umwege bei der Medizin gelandet. Nach dem Grundstudium habe ich den Facharzt für Virologie gemacht. Die Wenigsten wissen übrigens, dass die Virologie zusammen mit der Mikrobiologie ein eigener Facharzt ist. Von uns gibt es nicht so viele. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum wir so im Fokus stehen.

Würden Sie eine Prognose wagen, wie diese Pandemie enden wird?

STREECK Ich glaube nicht, dass sie so gesehen enden wird. Wir werden weiter mit dem Virus leben müssen. Ob wir einen Impfstoff haben werden, weiß man nicht. Das kann sehr schnell gehen, das kann aber auch sehr lange dauern. Bisher haben wir gegen kein Coronavirus einen Impfstoff gefunden. Es wird wohl so sein, dass wir in der Gesellschaft eine Teil­immunität entwickeln, wodurch das Virus endemisch wird. Es wird also immer mal wieder auftauchen, aber keine starken Infektionswellen hervorrufen. Das Virus wird jedoch nicht ausrottbar sein.

Sie glauben also nicht so recht an einen Impfstoff?

STREECK Doch. Ich denke schon, dass wir einen haben werden. Die Frage wird aber sein: Wie gut wirkt er? Es wäre ungünstig, wenn der Impfstoff nur eine Effektivität von 50 bis 60 Prozent hat. Ich bin da aus der HIV-Forschung ein gebranntes Kind. Es gab bisher zahlreiche Impfstoffkandidaten. Keiner hat funktioniert.

Hätte uns ein längerer und vielleicht auch härterer Lockdown schneller durch diese Krise gebracht?

STREECK Nein. Die Eindämmung hätte früh in China erfolgen müssen. Das ist aber nicht geschehen. Alles andere führt nur zu einer Verschiebung der Pandemie. Selbst wenn wir das Virus in Deutschland komplett ausgerottet hätten, hätte ein Reisender den Erreger direkt wieder eingeschleppt.

Das heißt, eine strikte Isolation zur Verhinderung der Pandemie bringt nur am Ausbruchsort etwas?

STREECK Genau.

Wie haben Sie die Krise bisher erlebt?

STREECK Das war schon ein abenteuerlicher Ritt. Ich war in dieser Zeit auch nicht frei von Fehlern. Aber mir ist es immer darum gegangen zu helfen. Mir wurde von vielen Seiten zu viel gewarnt, zu viele Ängste wurden geschürt. Es ist immer leicht zu warnen, aber schwierig, eine realistische Einschätzung zu geben. Das ist wie beim Wetterdienst. Ich bin meiner Einschätzung von Anfang an treu geblieben. In der Hochzeit wurde ich dafür kritisiert, dass ich eine viel schlimmere Welle riskieren würde. Es wurde auch über Ostern eine Todeswelle vorhergesagt. All das ist nicht eingetreten. Mittlerweile schwenken auch die anderen ein. Zwischenzeitlich fühlte ich mich entrückt von meiner Wahrnehmung der Pandemie und der Wahrnehmung der anderen und habe mich gefragt, ob ich mich nicht zurückziehen soll. Ich habe dann aber gemerkt, dass ich das gar nicht kann. Allein schon aufgrund meines Berufsethos.

Ihr Kollege Christian Drosten befindet sich derzeit im Zwist mit der Bild-Zeitung. Diese kritisiert seine Studie zur Viruslast bei Kindern als grob falsch. Was haben Sie gefühlt, als Sie das mitbekommen haben?

STREECK Das ist eine unangenehme Situation, in der Christian gerade ist. Auch wenn er mich öffentlich kritisiert hat, ohne den Dialog zu suchen. Ich fühle da jetzt aber mit ihm, denn am Ende sind wir ein Stand. Wir sind alle ein Team Wissenschaft.

 Gibt es etwas, das Sie den Menschen mit auf den Weg geben möchten?

STREECK Man muss versuchen, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich darauf zu besinnen, dass Politiker Entscheidungen treffen, die man vielleicht nicht gut findet, die aber im Gespräch mit vielen Experten abgewogen wurden. Darauf auch ein Stück weit zu vertrauen ist wichtig.