Viele Krisen gleichzeitig Mehr Menschen suchen derzeit psychologische Hilfe

Berlin · Derzeit haben viele Menschen das Gefühl, in einer fortlaufenden Krise zu leben, das kann die Psyche negativ beeinflussen. Doch Betroffene müssen teils Monate auf einen Therapieplatz warten.

Wenn viele Krisen gleichzeitig stattfinden, kann das die Psyche belasten.

Wenn viele Krisen gleichzeitig stattfinden, kann das die Psyche belasten.

Foto: dpa/Sina Schuldt

Politik, Wirtschaft und die Gesellschaft sehen sich derzeit mit multiplen Krisen konfrontiert: Kriege, finanzielle Engpässe, Sorgen mit Blick auf den Klimawandel und viele andere Dinge verunsichern die Menschen. Der Berufsverband Deutscher Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie (BVDP) hat zugleich einen deutlich erhöhten Bedarf an Therapieplätzen festgestellt.

Dieser Bedarf lässt sich laut Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) nicht konkret beziffern oder nur auf die aktuelle Nachrichtenlage zurückführen. Doch einen Effekt sehen die Experten durchaus. „Sicher kann man sagen, dass sich viele Menschen durch diese Krisen verunsichert fühlen, was die psychische Stabilität negativ beeinflussen kann“, sagte eine Sprecherin der BPtK unserer Redaktion.

Ob daraus auch eine psychische Erkrankung entsteht, müsse aber jeweils im Einzelfall betrachtet werden. Johanna Thünker, Vorständin der Regionalgruppe NRW des Verbandes Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (VPP), beobachtet, dass zum einen Menschen Hilfe suchen, die psychisch vorbelastet sind und nun zusätzlich weiter belastet würden. Zum anderen kämen auch Menschen, die vorher keine psychische Störung hatten, und „gerade bei länger anhaltenden Krisen und Belastungen dann eine psychische Störung entwickeln“, sagte Thünker gegenüber unserer Redaktion.

Ähnliche Eindrücke schildert auch Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes BVDP. Besonders häufig betroffen seien neben Menschen mit anderen psychosozialen Belastungen dabei Alleinerziehende, Geflüchtete, chronisch Kranke oder pflegende Menschen, so Roth-Sackenheim. Thünker betonte: „Grundsätzlich können psychische Erkrankungen alle Menschen treffen.“ Risikofaktoren seien aber unter anderem ein niedriger sozioökonomischer Status und ein Migrationshintergrund.

Seit der Corona-Pandemie steht die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Fokus. Insgesamt nehmen aber auch Erwachsene seit der Pandemie häufiger Hilfe in Anspruch, laut Thünker ein Anstieg von 40 Prozent 2021 im Vergleich zu vor der Pandemie. Die gestiegene Nachfrage führt zu langen Wartezeiten, laut BPtK warteten 2022 47,4 Prozent der Patienten länger als sechs Monate auf den Beginn einer Psychotherapie. Eine Lage, die durch eine nun steigende Zahl von Hilfesuchen verschärft werden könnte. Laut BVDP arbeiten schon jetzt viele Praxen am Limit.

Abhilfe könnten mehr Therapieplätze schaffen. „Die Bundespsychotherapeutenkammer fordert, dass kurzfristig mindestens 1600 zusätzliche Psychotherapeutensitze geschaffen werden“, sagte Andrea Benecke, Präsidentin der Kammer, unserer Redaktion. Insbesondere in ländlichen und strukturschwachen Regionen, zu denen sie unter anderem das Ruhrgebiet zählt, müssten mehr Menschen erreicht werden.

Dass aber allein ein Mehr an Therapieplätzen die Wartezeiten verkürzt, hält Roth-Sackenheim für unwahrscheinlich. „Es gäbe wahrscheinlich ausreichend Kapazitäten, wenn man sich weniger mit Bürokratie beschäftigen müsste und wenn man mehr vernetzt arbeiten könnte“, sagte die Vorsitzende des Berufsverbandes BDVP.

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