Forschungsprojekt der TU Berlin Studie: Antisemitische Ansichten werden vor allem in Codes geäußert

Berlin · Eine Forschergruppe um das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin hat Antisemitismus im Netz untersucht. Judenhass ist demnach zwar weit verbreitet, wird jedoch vor allem codiert geäußert.

 Antisemitismus ist in den Kommentarspalten weit verbreitet.

Antisemitismus ist in den Kommentarspalten weit verbreitet.

Foto: dpa/Christoph Soeder

Im Internet werden antisemitische Ansichten meistens indirekt geäußert, besonders in Deutschland. Das ist ein Ergebnis des Projekts „Decoding Antisemitism“ unter der Leitung des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Darin wurden von 2020 bis 2024 antisemitische Aussagen in den Nutzerkommentaren unter den Social Media-Kanälen renommierter Online-Medien aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich untersucht.

„In politisch gemäßigten Online-Milieus sind 80 bis 85 Prozent des Antisemitismus implizit, also in Form von Anspielungen, Wortspielen, rhetorischen Fragen“, sagte Projektleiter Matthias Becker vom Zentrum für Antisemitismusforschung bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Ein explizites Schimpfwort gegen Juden werde man im Nutzer-Kommentarbereich von „Der Spiegel“, der französischen Zeitung „Le Monde“ oder dem englischen „Guardian“ nicht finden, sagte Becker, subtilere Formen allerdings schon. Zum Beispiel könne jemand den Holocaust leugnen, in dem er Bezug auf den Film „Schindlers Liste“ nimmt und das etwa in „Schwindlers List“ umformuliert. „So wird der Holocaust als Lüge, aber auch gleichzeitig als Strategie dargestellt“, erklärte Becker.

Diese codierten Formen des Antisemitismus seien – im Gegensatz zu offensichtlich antisemitischen Aussagen – bisher nur unzureichend erforscht, auch weil das methodisch schwierig und aufwendig sei. Die Lücke haben die Forscher nach eigener Aussage teilweise geschlossen. Dafür fertigten sie insgesamt 27 Fallstudien an und analysierten 130.000 Kommentare von Nutzern unter den Online-Auftritten verschiedener Medien. Der Fokus lag dabei besonders auf den Social Media-Kanälen der Medienhäuser bei Facebook, Youtube oder Instagram. Die Beobachtungen erfolgten jeweils nach einem Ereignis, über das viel diskutiert wurde, etwa dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023.

Besonders diese Tat habe zu einem „enormen Anstieg von Antisemitismus“ geführt, so Becker. Je nach Thema und Kommentarbereich hätten sich die antisemitischen Reaktionen verdoppelt bis verdreifacht. Der Tag sei ein Wendepunkt gewesen. Viele der Kommentatoren hätten sich nicht direkt antisemitisch geäußert, unter Youtube-Beiträgen über den Hamas-Angriff aber mehr oder weniger deutlich ihre Sympathie für die Gewalt gegen Jüdinnen und Juden kundgetan.

Im Ländervergleich war der Antisemitismus in den Kommentarbereichen in England am weitesten verbreitet, dann in Frankreich und Deutschland. Becker erklärte das – neben anderen Faktoren – damit, dass in Großbritannien das Bewusstsein über Antisemitismus historisch bedingt weniger vorhanden sei als hierzulande.

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