„Terroristen können Desertec nicht aufhalten“

Berlin · Die Vision ist verlockend - bis 2050 sollen bis zu 20 Prozent des europäischen Strombedarfs durch Solar- und Windenergie aus der nordafrikanischen Wüste gedeckt werden. Steht das Desertec-Projekt nun wegen der dortigen Anschläge islamistischer Terrorristen auf der Kippe? Darüber sprach unser Berliner Korrespondent Stefan Vetter mit dem Desertec-Chef Paul van Son.

Herr van Son, nach Einschätzung von Beobachtern bedrohen die Islamisten von Mali aus ganz Nord- und Westafrika. Ist damit auch das Wüstenstrom-Projekt gefährdet?
Paul van Son: Nein, überhaupt nicht. Bei den Wüsten reden wir über ein Gebiet von über 5000 Kilometern zwischen West- und Ostafrika und 2000 Kilometern Ausdehnung nach Süden. Auch in Europa gab es Anschläge durch Terrororganisationen wie Eta oder IRA. Aber das hat doch die europäische Energieversorgung nicht in Frage gestellt. Umgekehrt wird in Nordafrika ein Schuh daraus: Nur wenn wir dort in die Infrastruktur, in die Stromversorgung investieren, werden wir auch soziale Probleme mit lösen helfen und so dem Extremismus den Nährboden entziehen.

In Marokko, wo in diesem Jahr mit dem Bau eines Solarthermie-Kraftwerks begonnen werden soll, ist es zwar politisch ruhig. Aber das könnte sich ja auch ändern.
Paul van Son:In Marokko geht es nicht nur um Sonnenergie, sondern auch um Windkraft. Hier ist die Entwicklung schon weit vor geschritten. Das lässt sich auch nicht mehr zurückdrehen.

Sollte sich Europa dauerhaft militärisch in Nordafrika engagieren, um wirtschaftliche Projekte wie Desertec zu sichern?
Paul van Son: Ich kann dazu keine Empfehlungen geben. Wir konzentrieren uns darauf, mit den Regierungen der Länder in Nordafrika, dem Nahen Osten und Europa über langfristige Perspektiven bei der Stromversorgung zu sprechen, um Synergien zu erreichen. Es ist grundsätzlich notwendig für die internationale Gemeinschaft, dafür zu sorgen, dass man zusammen bei erneuerbaren Energien vorankommt.

Aber Investoren dürften zurückhaltender werden, wenn die Sicherheitsfrage das Desertec-Projekt überschattet.
Paul van Son: Die Investoren waren lange Zeit zurückhaltend, gerade für Nordafrika und den Nahen Osten. Das hat aber damit zu tun, dass die Bedeutung des wirtschaftlichen Engagements für die Stabilität dieser Regionen unterschätzt wurde. Das ändert sich jetzt langsam.

Ist es überhaupt sinnvoll für Europa, bei der künftigen Stromversorgung auf instabile Regionen zu setzen anstatt eigene Potenziale zu nutzen? Auch Spanien hat Sonne satt, Griechenland genauso.
Paul van Son: Man kann doch nicht davon ausgehen, dass bestimmte Regionen für immer instabil sind. Unsere Aufgabe ist es, einen Markt für erneuerbare Energien zu entwickeln. Anders lässt sich die Energieversorgung etwa in Nordafrika langfristig nicht sicherstellen. Und Europa kann bei der Energieversorgung profitieren, wenn es mit Afrika stärker kooperiert.

Nach den Planungen soll bereits 2016 der erste Strom von Afrika nach Europa fließen. Halten Sie das für realistisch?
Paul van Son:Das ist realistisch. Schon heute sind Spanien und Marokko durch Stromkabel verbunden. Im marokkanischen Ouarzazate entstehen jetzt Solaranlagen mit knapp 500 Megawatt. Die Ausschreibungen dafür wurden schon auf den Weg gebracht.

Kürzlich sind Siemens und Bosch aus Desertec ausgestiegen. Wirft das nicht auch manche Planung über den Haufen?
Paul van Son: Der Ausstieg ist bedauerlich. Etwas Fluktuation werden wir aber nicht vermeiden können. Unser Netzwerk von Unternehmen aus 16 Ländern wird seine Ziele erreichen.

Fühlen Sie sich von der deutschen Politik genügend unterstützt?
Paul van Son: Ich bin darüber hocherfreut, dass die deutsche Bundesregierung bereits erklärt hat, unser Projekt in Marokko zu unterstützen. Sie sucht dazu weitere Partner, um es zu einem europäischen Vorhaben werden zu lassen. Wichtig ist, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika vorankommt. Dazu kann Deutschland einen entscheidenden Beitrag leisten.