Syrische Einwanderer erzählen in Saarbrücken von ihrer Erziehung

Einblicke : „Wir ticken einfach ganz anders“

„Messerstecher“ und Machogehabe: Zwei junge Syrer aus Völklingen sprechen über ihre Kultur und darüber, was ihre Schwestern dürfen – und was nicht.

Eigentlich spricht Mohamed nicht einfach so mit Frauen. So ohne Anlass oder direkte Verwandtschaft. „Ich schäme mich“, sagt er und sieht dabei so aus, als wolle er gleich unter seinem schwarz-weißen Kapuzenpulli verschwinden. Aber gut – er muss grinsen – bei mir mache er eine Ausnahme, ich sei ja auch schon „älter“, Anfang 30, keine dieser Teenagerinnen. „Die meide ich“, sagt der 20-Jährige. Er schämt sich und hat Respekt. Das, was sein großer Bruder sagt, ist richtig, Alkohol ist falsch. So spricht Mohamed aus Syrien, der seit vier Jahren in Deutschland lebt. Mit seinem großen Bruder, heute 25 Jahre alt, kam er damals in die Erstaufnahmestelle nach Lebach.

„Wir sind einfach anders. Unsere Gewohnheiten sind anders. Wir denken anders“, sagt Hamza, der junge Mann, der ihm gegenübersitzt. Hamza ist 19. Vor drei Jahren lebte er noch im Zeltlager Jarmuk am Rande von Damaskus. Auch er ringt im Deutschen um Worte. Anders als Mohamed spricht er aber gerne mit Frauen, „mit allen Frauen“, ergänzt er und lacht genüsslich – so als habe er jegliche Berührungsängste auf seiner Flucht über Bord geworfen.

Ich treffe die Beiden zufällig in der Saarbrücker City. Hamza ärgert gerade einen Obdachlosen, sein Freund Mohamed hält sich den Mund vor Lachen zu. Ich nähere mich. „Hallo, ich heiße Fatima. Und du?“ „Ich heiße Mohamed.“ „Wie mein Bruder“, sage ich. Wir lachen. Mein Herkunftsland Libanon ist gefühlt nur noch eine Dialogpause vom Nachbarn Syrien entfernt. Wir sprechen von nun an Arabisch. „Kaffee?“ „Ja, gerne.“

Ein paar Meter weiter in der Europagalerie. Dort wo man zu fast jeder Tages- und Abendzeit alles und jeden antrifft. Also auch zwei junge Syrer, die wissen, dass sie in den Augen einiger Deutscher vor allem eines sind: ein Problem. „Rassisten gibt es überall“, sagt Hamza. Und ja, sie kennen auch Jungs, die dem Profil des „syrischen Messerstechers“ gerecht werden. Aber das ist nicht die Welt von Hamza und Mohamed. Sie kommen gerade vom Berufsbildungszentrum in Burbach, machen eine Ausbildung zum Maler, wollen Deutsch lernen und leben in Völklingen. Hamzas Vater ist in Syrien geblieben, seine Mutter, eine Schwester und ein Bruder sind hier. Von seinem zweiten Bruder, 20 Jahre alt, hat er seit sechs Jahren nichts mehr gehört. „Assads Leute haben ihn irgendwann abgeholt.“

Mohamed stammt aus Daraa – dem Dorf, in dem der Bürgerkrieg ausbrach. Kurz bevor sein Vater starb, gab er Mohamed noch mit auf den Weg: „Du gehst jetzt in ein Land, in dem junge Menschen saufen und kiffen. Guck, dass du das meidest.“ Drei Schwestern und drei Brüder. Sein großer Bruder ist seit dem Tod des Vaters das, was man im Arabischen „Rab al Aila“ nennt, „Gott der Familie“. Zwei Schwestern tragen Kopftuch, so wie Hamzas Schwester. „Sie tun das, weil sie davon überzeugt sind.“ Druck bewirke nur das Gegenteil. Sie kennen Syrer, die so viel Autorität im Heimatland erlebt hätten, dass sie hier in Deutschland meinen, tun und lassen zu können, was sie wollen. Und ja, auf jungen muslimischen Frauen laste mehr Druck als auf den Männern. Aber das liege an ihrer Schutzbedürftigkeit. Auch vor männlichen Übergriffen müsse man sie bewahren. Undenkbar, dass ihre Schwestern „bis 23 Uhr ausgehen“. Und dass sie einen deutschen Freund haben.

Es sei auch selbstverständlich, dass der Mann die Familie ernähre. „Stört es euch, dass ich arbeite?“, frage ich. Nein, natürlich nicht. Ich wolle das ja so. Aber eigentlich sei das die Aufgabe des Mannes. Was sie auch nicht verstehen: wenn Kinder ihre Eltern anzeigen. Respekt und Scham. Familie über alles. „Würdet ihr mit einer minirocktragenden Nicht-Jungfrau und Diskogängerin zusammen sein wollen?“ Tiefes Schnaufen. „Jeder Mensch hat eine Vergangenheit“, sagen beide. Also ja. Sie würden. Wenn es sein muss. Obwohl sich diese Frage zumindest für Mohamed nicht mehr stellt. In zwei Jahren will er seine Freundin aus Syrien heiraten. Hamza stellt dagegen in pseudomachohafter Pose klar: „Ich rede mit allen Frauen.“

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