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Stutzt Ryanair dem Hahn die Flügel?

Billigflieger will Basis am Hunsrück-Flughafen schließen : Stutzt Ryanair dem Hahn die Flügel?

Wieder einmal geht die Angst um am Flughafen Hahn. Die in der Corona-Pandemie kriselnde Airline will hier ihre Basis dicht machen.

Schocknachrichten gehören zum Flughafen Hahn wie die Start- und Landebahn. Nun will die irische Fluggsellschaft Ryanair ihre Basis im Hunsrück aufgeben. Das klingt dramatisch, ist aber in seinen Auswirkungen schwer einzuschätzen.

Die Billigfluggesellschaft ist für Volten und Spielchen bekannt. „Wir wissen heute noch nicht, was es am Ende bedeuten wird, wenn der Hauptkunde seinen Betrieb am Standort einstellt“, sagt Christoph Goetzmann, zuständig für das operative Geschäft am Hunsrück-Airport. Goetzmann bezeichnet die in Aussicht gestellte Schließung der Ryanair-Basis auf dem Hahn als „eine der größten Herausforderungen, die der Flughafen in seiner Geschichte zu meistern hat“.

Dass das Frachtgeschäft am Hunsrück-Flughafen zurzeit ein Plus von rund 30 Prozent verzeichnet, reicht nicht aus, um den Rückzug von Ryanair zu kompensieren: „Ein Flughafen lebt davon, dass er viele Passagiere hat. Wir sind uns der Bedeutung von Ryanair am Hahn bewusst“, sagt Goetzmann. Was erschwerend hinzukommt: Corona sorge nach wie vor für Einschränkungen bei allen Flughäfen, das mache es schwierig, eine Voraussage für die Zukunft zu treffen. Die Bedingungen könnten sich wöchentlich ändern, sagt Goetzmann.

Dass die irische Billigfluggesellschaft ihre Basis am Hahn zu schließen beabsichtigt, bedeute nicht zwangsläufig, dass Ryanair den Flughafen gar nicht mehr anfliegt. „Es besteht nach wie vor die Option, dass Ryanair die Vorteile des Standorts weiterhin nutzt“, hofft Goetzmann.

Auch ein örtlicher Unternehmer, der seinen Namen nicht nennen wollte, sagte, er gehe nicht von einem kompletten Ryanair-Abzug aus: „Es gibt mit dem Hahn nur fünf Verkehrsflughäfen mit Nachtfluggenehmigung in Deutschland. Und Ryanair fliegt viel spätabends. Wenn sie aus irgendwelchen Gründen bei einem anderen Flughafen mit Nachtflugverbot nicht mehr rechtzeitig runterkommt, braucht sie den Hahn zum Ausweichen.“ Das sei 2019 oft der Fall gewesen.

Der Hunsrück-Airport äußerte sich am Mittwoch nicht zu der angekündigten Basis-Schließung und verwies auf Ryanair. Doch die Airline wollte ihr internes Schreiben nicht weiter kommentieren. Auch den Standorten in Berlin-Tegel und im nordrhein-westfälischen Weeze drohe noch vor dem Winter das Aus, hieß es darin. Grundsätzlich ist eine Schließung von Basen nicht automatisch gleichbedeutend mit der Aufgabe von Flugverbindungen.

Der rheinland-pfälzische CDU-Fraktionsvize Alexander Licht warnte gleichwohl, die Pläne der Ryanair dürften nicht „der Anfang vom Ende für den Hunsrück-Airport sein“. Die Region sei verunsichert. „Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.“ Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) sollten schnellstmöglich an Ort und Stelle Rede und Antwort stehen.

Der Hamburger Luftfahrtexperte Cord Schellenberg sieht in der Ankündigung des irischen Billigfliegers vor allem eine Drohgebährde der Airline. „Um etwas zu erreichen und dem Nachdruck zu verleihen, setzt Ryanair gerne ein deutliches Zeichen“, sagt Schellenberg. Genaue Schlussfolgerungen ließen sich daraus noch nicht ableiten: „Bei Ryanair weiß man nie, was am Ende herauskommt“, sagt Schellenberg.

Ryanair ist im Hahn-Passagiergeschäft der Platzhirsch. Laut Christoph Goetzmann fliegen sonst nur noch die Passagier-Airlines Wizz Air, Air Serbia und Flyone den Airport an. Dieser ist abgelegen und defizitär. Er hat Goetzmann zufolge rund 270 Beschäftigte. Insgesamt hingen 2500 bis 3000 Jobs am Flughafen Hahn, ergänzte der Manager. In den vergangenen Jahren hat der Airport viele Passagiere verloren. Das Frachtgeschäft zog aber in der Corona-Krise etwa mit dem Transport von Schutzkleidung wieder stark an, was jedoch Branchenexperten zufolge eine zeitlich beschränkte Sonderjunktur sein könnte. Der Flughafen Hahn gehört zu 82,5 Prozent dem chinesischen Konzern HNA und zu 17,5 Prozent dem Land Hessen.

Bürgerinitiativensprecher Olaf Simon sieht langfristig keine Chance für ein Überleben des Airports, der aus Marketinggründen offiziell Flughafen Frankfurt-Hahn heißt, obwohl die Mainmetropole 120 Kilometer entfernt ist: „Es ist einfach eine Kostenfrage.“ Der Großkonzern HNA wolle bei einem Kaufpreis von lediglich rund 15 Millionen Euro für seine Hahn-Anteile vermutlich nur strategisch etwas ausprobieren.

Die Steuerzahler bringen weiterhin Millionen für den Flughafen auf. Nach den Vorgaben der EU-Kommission muss er bis 2024 schwarze Zahlen schreiben. Das Land Rheinland-Pfalz hat laut Innenministerium dem Hahn seit 2017 bislang 10,2 Millionen Euro Betriebsbeihilfen gezahlt. Für Feuerwehr und Rettungsdienste seien seit 2017 Sicherheitskosten von fast 5,2 Millionen Euro geflossen. „Für 2019 und 2020 sind noch keine Zahlungen erfolgt“, hieß es weiter.

Bei Ryanair gibt es einen Streit mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) über Gehaltskürzungen in der Corona-Krise. Die bei der Ryanair-Tochter Malta Air beschäftigten Piloten aus Deutschland hatten die Vorschläge der Airline abgelehnt. Nach VC-Angaben sind von angedrohten Kündigungen bis zu 170 Piloten betroffen. Ryanair hat wie viele andere Fluggesellschaften seit März extrem unter der Corona-Krise gelitten, viele ihrer Maschinen mussten wegen Reisebeschränkungen längere Zeit am Boden bleiben. Ryanair steht wegen Niedriglöhnen in der Kritik – die Gewerkschaft Verdi hat ihr vorgeworfen, die Corona-Krise für Sozialdumping zu missbrauchen.