St. Wendeler Jonas Müller war bei „Sea- Watch 3“-Rettungsaktion dabei

„Der Kampf geht weiter“ : St. Wendeler war teil der Crew von Rettungsschiff Sea-Watch 3

Der St. Wendeler Jonas Müller hat die dramatische „Sea-Watch“-Mission, die zur Verhaftung von Carola Rackete führte, miterlebt.

Dass er von manchen Menschen angefeindet wird, weil er in Seenot geratene Menschen aus dem Mittelmeer rettet, daran hat sich Jonas Müller gewöhnt. Den Beschimpfungen von Inselbewohnern aber, denen er und die anderen Mitglieder der Crew ausgesetzt waren, als sie in der Nacht zum Samstag auf dem privaten Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ mit 40 Flüchtlingen an Bord in den Hafen von Lampedusa einfuhren, haben den 33-Jährigen St. Wendeler doch sehr berührt.

Allerdings kann er die Menschen auf dem gerade einmal 4500 Einwohner zählenden Eiland auch verstehen. „Sie haben Angst, mit dem Flüchtlingsproblem allein gelassen zu werden.“ Bereits seit vielen Jahren bringen Schlepper immer wieder Flüchtlinge auf die nur 136 Kilometer von der tunesischen Küste entfernte Insel, die zu Italien gehört.

Mit solchen Schleppern, die Migranten gegen Geld illegal nach Europa bringen, hatte der italienische Innenminister Matteo Salvini die „Sea-Watch 3“-Besatzung verglichen und ihre Kapitänin Carola Rackete als „kriminelle Kommandantin“ bezeichnet, weil sie ohne Erlaubnis in den Hafen einfuhr. Angesichts des verzweifelten Zustands der Flüchtlinge an Bord habe sie den Notstand ausgerufen, rechtfertigte sie sich. Trotzdem wurde sie festgenommen, ihr Schiff beschlagnahmt.

„Die mussten an Land. Das ist Seerecht. Das haben wir nicht erfunden“, sagt Jonas Müller. Das sieht wohl auch die italienische Justiz so. Eine Richterin hob den Hausarrest gegen Rackete am Dienstagabend wieder auf. Trotzdem stehen die Vorwürfe der „illegalen Begünstigung von Einwanderung“ und „Gewalt gegen Kriegsschiffe“ weiter im Raum. Letzterer, weil Rackete bei ihrer Einfahrt in den Hafen ein Boot der italienischen Finanzpolizei touchierte. Der nächste Gerichtstermin ist am Dienstag, die „Sea-Watch 3“ bleibt beschlagnahmt.

Jonas Müller kam Montagnacht nach Deutschland zurück und fuhr am Dienstag zu seiner Familie nach St. Wendel. Der Sozialarbeiter, Erlebnispädagoge und Rettungssanitäter war bei der Sea-Watch-Aktion für eine andere Saarländerin eingesprungen – die Niedaltdorferin Stefanie Hilt, ebenfalls Erlebnispädagogin und Rettungssanitäterin. Die 29-Jährige musste die Mission absagen, weil sie krank wurde. Obwohl sich beide noch nicht persönlich kennengelernt haben, wurde Müller von der Sea-Watch-Crew „Steffie“ gerufen, erzählt er – um Verwechslungen zu vermeiden, „weil noch ein zweiter Jonas auf dem Schiff war.“

Ansonsten war das Leben an Bord nach seinen Worten aber alles andere als ein Zuckerschlecken. Für Flüchtlinge und Crew gleichermaßen. Über einen halben Monat lang mussten Müller und seine Kameraden die zunächst 53 Flüchtlinge, die sie am 12. Juni zwischen Lampedusa und Libyen aus dem Mittelmeer retteten und die unter anderem aus Kamerun, Ghana, der Elfenbeinküste und Mali stammten, an Bord versorgen, weil Italien ihnen die Einfahrt in den Hafen von Lampedusa verweigerte. Nur 13 der Geflüchteten durften vorzeitig an Land, hauptsächlich Kinder und Kranke. „Fast alle Flüchtlinge an Bord waren traumatisiert, manche zuvor gefoltert oder vergewaltigt worden“, erzählt er – Erfahrungen, die Stefanie Hilt bei anderen Rettungsaktionen im Mittelmeer ebenfalls gemacht hat. Sie spricht von „total chaotischen Zuständen in libyschen Flüchtlingslagern“. Und Müller ergänzt: „Der Rassismus gegenüber Schwarzen in Libyen ist extrem.“

Die Niedaltdorferin Stefanie Hilt musste die Rettungsmission wegen Krankheit absagen. Foto: Lisa Hoffmann / Sea Watch/Lisa Hoffmann
Der St. Wendeler Jonas Müller ist für Stefanie Hilt auf der „Sea-Watch 3“ eingesprungen. Foto: Manuel Görtz

Dass sie für ihre harte Arbeit an Bord kein Geld bekommen, stört die beiden Saarländer nicht. Sie sehen ihren Einsatz als mitmenschliche Pflicht, Notleidenden zu helfen. Und auch die eher trüben Aussichten für Flüchtlingshelfer, die angefeindet, kriminalisiert und deren Boote beschlagnahmt werden, halten sie nicht davon ab, weiterzumachen. „Der Kampf geht weiter“, sagt Stefanie Hilt.

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