Sprache: Gendersternchen? Binnen-I? Die Mischung macht's

Gendersternchen? Binnen-I? : Liebe Leser*innen, regt euch ab!

Wie rücksichtsvoll und gerecht soll unsere Sprache sein? Darüber wird mal wieder heftig diskutiert, wegen eines Karnevalswitzes und eines öffentlichen Aufrufs. Im Spiel ist viel Gift – leider, denn die Debatte ist wichtig.

Wir müssen mal über Unfug reden. Denn im Moment wird ziemlich viel Unfug geredet, und zwar über tatsächlichen ebenso wie über nur vermeintlichen Unfug. Aber im Klartext: Es geht um unsere öffentliche Sprache, schriftlich wie mündlich. Noch genauer: darum, wie gerecht und rücksichtsvoll dieses Sprechen und Schreiben sein kann, darf, muss. Das ist eine ewige Debatte; zuletzt drehte sie sich um zwei Themen besonders: um den Karneval und um Geschlechtergerechtigkeit.

Erstens war da CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, die erst einen Witz über Berliner Männer und Toiletten für Intersexuelle machte und dann, als ihr dafür herbe Kritik entgegengeschlagen war, befand, wir Deutschen seien doch „das verkrampfteste Volk, das auf der Welt rumläuft“. Zweitens ist da der Aufruf des Vereins Deutsche Sprache, „mit dem Gender-Unfug“ aufzuhören; mehr als 50.000 Menschen haben bereits unterschrieben. Der Aufruf richtet sich gar nicht in erster Linie gegen Auswüchse wie das Gendersternchen („Bürger*innen“), sondern gegen Doppelnennungen („Bürgerinnen und Bürger“) und neutrale Formen („Studierende“ statt „Studenten“).

Beide Male stellt sich, grob gesagt, ein mehr oder weniger prononcierter Konservatismus gegen den Zeitgeist. Beiden Debatten gemeinsam ist der Streit darum, was man öffentlich sagt und wie – und eine Giftigkeit des Tons, die zu sagen scheint: Hört bloß mit diesem Mist auf! Genau das ist das Problem.

Und gegiftet wird von beiden Seiten nicht zu knapp. Kramp-Karrenbauer denunziere Menschen, sagte der linke Berliner Kultursenator Klaus Lederer. Für „feindselig“ hielt den Auftritt der Chef der NRW-Grünen, Felix Banaszak; „zum Fremdschämen“, kommentierte der Liberale Jens Brandenburg. Umgekehrt ätzt die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die zu den Erstunterzeichnern des Anti-Gender-Aufrufs gehört, gegen solchen „Irrsinn“ und Idiotie, und Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) war sich nicht für den Satz zu schade, durch Binnen-I („BürgerInnen“) und Genderstern werde die Sprache „vergewaltigt“. Der Aufruf selbst zieht gegen „lächerliche Sprachgebilde“ zu Felde und schließt mit dem Aufruf: „Setzt die deutsche Sprache gegen diesen Gender-Unfug wieder durch!“

Als wenn „Bürgerinnen und Bürger“ kein Deutsch wäre. Es mag ja stimmen, dass die Genderer irren, weil das Deutsche das sogenannte generische Maskulinum kennt, weil also bei einer unbestimmten Gruppe von „Bürgern“ die Frauen erst mal mitgemeint sind. Und dass „Bürger*innen“ schon ästhetisch ein Ungetüm ist – dem werden viele zustimmen, ebenso, wie viele es ablehnten, als vorgeschlagen wurde, an der Nationalhymne herumzuschrauben und „Heimatland“ statt „Vaterland“ zu singen. Aber Sprache ist nun mal nicht (nur) eine Frage von Schönheit, und sie lässt sich auch nicht auf einem bestimmten Stand einfrieren, nach dem Motto: So ist es gut, so soll es bleiben.

Unsere öffentliche Sprache, mündlich und vor allem schriftlich, gehorcht nicht nur Regeln, sondern drückt auch aus, wie sich Einstellungen wandeln. Offensichtlich ist das Bestreben, Geschlechtervielfalt sprachlich auszudrücken, nicht mehr nur ein Anliegen überengagierter Sprachheinis und verbiesterter Emanzen, sondern in vergleichsweise breite Schichten vorgedrungen. wenn auch nicht unbedingt mehrheitsfähig. Ebenso stößt heute ein öffentlicher Witz, in dem Minderheiten vorkommen, zuverlässig auf (ja, auch politisch ritualisierten, teils scheinheiligen) Widerspruch. Wir sind empfindlicher geworden, im Doppelsinn: sensibler, aber auch leichter reizbar. Das heißt aber nicht, dass „man“ so etwas nicht mehr sagen darf, sondern nur, dass man manches nicht mehr unwidersprochen sagen kann. Kramp-Karrenbauer ist ja, wie man hört, weiter im Amt, hat für ihren schlechten Witz und ihre trotzige Verteidigung sogar viel Unterstützung eingesammelt. Die Antwort, ob man solche Witze machen darf (natürlich), unterscheidet sich offenbar von der, ob man es sollte (nein) und ob es klug war (werden die Umfragen zeigen).

Das Problem ist nicht der jeweilige Widerspruch, auch nicht seine Heftigkeit, sondern die Unduldsamkeit, die mitschwingt. Beispiel Gendern: Ästhetische Argumente („Sprache wird verhunzt“) führen nicht weiter, weil sich über Geschmack nicht streiten lässt und andere das nun mal genau andersherum sehen. Und emotionale Aufwallungen („Gender-Gaga“, „blöde Sternchen“) sind keine Grundlage für eine ernsthafte öffentliche Diskussion.

Die Diskussion ist es aber wert, geführt zu werden, eben weil die Antworten nicht so offenkundig sind, wie beide Seiten häufig vorgeben. So legen Studien nahe, dass Leser, wenn sie generische Maskulina vor sich haben (also „Ärzte“ für männliche wie weibliche Mediziner), sich eher Männer vorstellen. Wenn man sich Unvoreingenommenheit wünscht (ein Arzt soll ebensogut ein Mann wie eine Frau sein können), muss man das für schlecht halten. Zugleich darf man Varianten wie „A*rzt*innen“ oder das unidentifzierbare „Professx“, das vor Jahren Furore machte, getrost als Auswüchse bezeichnen, wenn man der Ansicht ist, ein Wort könne kaum alle möglichen Geschlechtsidentitäten abbilden. Es sollte Lösungen dazwischen geben, zumindest für die öffentliche Sprache, denn privates Reden und Schreiben entzieht sich, solange es nicht strafbar ist, gottlob der Regulierung.

Tatsächlich gibt es ja Vorschläge. Der Duden etwa rät zur Doppelform („Ärztinnen und Ärzte“); die deutsche Unesco-Kommission plädierte schon 1993 auch für das Binnen-I. Die Stadt Hannover hat sich für durchgehende Neutralisierung entschieden („Wählende“ statt „Wähler“). Alle Lösungen haben Nachteile – Doppelformen brauchen Platz, der etwa in Zeitungen oft knapp ist; und ein „Wählender“ ist nicht dasselbe wie ein Wähler, denn ein Wähler kann auch gerade ein Schlafender und ein Essender sein. Das Goethe-Institut empfahl schon 2006 Kreativität unter der Devise: „Die Mischung macht’s!“ Dem Motto folgt übrigens auch unsere Redaktion: Da sind die „Studierenden“ zu finden, „Schülerinnen und Schüler“, oft auch das generische Maskulinum, aber nicht Gendersternchen oder Binnen-I.

Schließen wir mit der „Gästin“. Steht tatsächlich im Duden, werden aber viele für Unfug halten. Dabei tauchte die „Gästin“, wie der Duden 2017 berichtete, schon im 19. Jahrhundert im Grimm’schen Wörterbuch auf, ebenso die „Engelin“. Manches ist kein Gender-Gaga, sondern kommt schlicht wieder. Die Sprache ist im Fluss. Gut so.

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