Sportwetten im Fußball Suchtbeauftragter fordert mehr Einschränkungen für Werbung

Berlin · Sportwetten sind derzeit kaum aus dem Fußball wegzudenken, in der Saison 2022/23 sponsorten Anbieter 16 der 18 Clubs. Dabei können Wetten süchtig machen und bergen für Spieler ein hohes Risiko. Wie das zusammenpasst und welche Maßnahmen Politik und Vereine ergreifen wollen.

Sportwetten muss man längst nicht mehr im Wettbüro platzieren. Für Online-Wetten wird auch im Kontext von Fußball viel geworben – zum Ärgernis vom Suchtbeauftragten der Bundesregierung.

Sportwetten muss man längst nicht mehr im Wettbüro platzieren. Für Online-Wetten wird auch im Kontext von Fußball viel geworben – zum Ärgernis vom Suchtbeauftragten der Bundesregierung.

Foto: dpa/Sarah Knorr

Burkhard Blienert, der Suchtbeauftragte der Bundesregierung, möchte sich den Fußball nicht vermiesen lassen. Das Potenzial dazu haben seiner Meinung nach Sportwetten und deren Anbieter: Sie sind immer häufiger Werbepartner bei Fußballvereinen und im Fernsehen oder online im Fußball-Kontext präsent. Vor allem Kinder, Jugendliche und Suchtgefährdete müssten besser vor Glücksspiel, zu dem auch Sportwetten gehören, geschützt werden, forderte Blienert nun bei einer Diskussionsveranstaltung in Berlin.

1,3 Millionen Menschen in Deutschland sind laut Blienert glücksspielsüchtig, mehr als drei Millionen spielen in einem riskanten Maße. Der Anteil an Sportwetten steige dabei an. Spielsucht sei eine Krankheit, die nicht nur die direkt Betroffenen, sondern auch deren Familien finanziell und auch sozial schädige. 2022 hätten Spieler in Deutschland 1,4 Milliarden Euro bei Sportwetten verloren. Dass gerade im Fußball immer mehr Wettanbieter werben, sieht Blienert kritisch. Zum einen, weil die Anbieter Gewinn aus dem Verlust der Spieler machen, zum anderen, weil so Suchtmittel normalisiert werden.

Ein stärkeres Zurückdrängen der Sportwettenwerbung aus dem Fußball forderten auch die geladenen Diskussionsteilnehmer – abgesehen von Jürgen Paepke, Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Fußball Liga (DFL), deren Partner der Wettanbieter Tipico ist. Nicht nur für die DFL, sondern in vielen Sportverbänden seien die Einnahmen durch das Sponsoring ein wesentliches Mittel für die Finanzierung des Spielbetriebs, sagte Paepke. Lizenzierte Wettanbieter würden die Spieler zumindest in einen regulierten Markt führen und einen hohen Spielerschutz sicherstellen, wie er auch im Glücksspielstaatsvertrag geregelt ist.

Gerade an diesem Staatsvertrag, der das Glücksspielrecht der Länder bundesweit vereinheitlichen soll, gibt es Kritik. Blienert hält ihn für „reformbedürftig“, Bremens Innensenator Ulrich Mäurer würde ihn „lieber heute als morgen in die Tonne hauen“ und sprach sich für ein komplettes Werbeverbot für Wetten aus. Für Markus Sotirianos von der Fanorganisation Unsere Kurve müssten Sportwetten genauso behandelt werden wie andere Suchtmittel, die für Minderjährige verboten sind. Warum Wettanbieter weniger eingeschränkt werden als die Tabakindustrie, sei aus Präventionsperspektive nicht nachvollziehbar.

Dass die Politik das Problem bald löst und strengere Regeln fasst, hielt Mäurer für unwahrscheinlich. Stattdessen müssten auch die Vereine Verantwortung übernehmen. Es sei eine Frage der Moral, auf Sponsoring durch Wettanbieter zu verzichten. Einer der wenigen Vereine, die das schon praktizieren, ist der FC St. Pauli. „Die Entscheidung tut finanziell sehr weh“, sagte Patrick Gensing, Pressesprecher des Vereins. Um gegenüber den Fans glaubwürdig zu sein und Verantwortung zu übernehmen, habe man sich aber für diesen Schritt entschieden. Auch bei der DFL sei man für eine kritische Debatte offen, wenn der Vertrag mit Tipico nach der Saison 2024/25 ausläuft.

Schon zur Heim-EM 2024 wünscht sich Blienert Werbeeinschränkungen als Präventionsmaßnahme. Wettanbieter dürften nicht „die größten Sieger der EM sein“, sagte er.

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