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Nach Wahlniederlage: Seehofer braucht das Meisterstück seiner Karriere

Nach Wahlniederlage : Seehofer braucht das Meisterstück seiner Karriere

Für den CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten läuft es derzeit nicht gut. Doch der 67-Jährige stemmt sich mit aller Kraft gegen die Niederlage.

So hat sich Horst Seehofer seinen Herbst als CSU-Chef und Ministerpräsident nicht vorgestellt. In der eigenen Partei massiv unter Druck und, schlimmer noch, das eigene politische Erbe mit einer historischen Wahlniederlage beschädigt, seine CSU am Scheideweg. Doch wer den 68-Jährigen kennt, weiß, dass Aufgeben für ihn keine Alternative ist. „Ich fühle mich eigentlich pudelwohl, sauwohl, möchte ich fast sagen. Das kommt bei mir immer so: Wenn’s etwas spannender wird, steigert sich meine Befindlichkeit noch zum Positiven“, so beschrieb er unmittelbar nach der 38,8-Prozent-Pleite bei der Bundestagswahl seine Gemütslage.

Tatsächlich ist dies aber nur die halbe Wahrheit, wie er auf Nachfrage einräumt: „Es wäre ja schlimm, wenn das keine Spuren bei einem hinterlässt und einfach abperlt“, sagt er – am Ende einer Woche voller Anfeindungen aus der Partei.

Seehofer hat in seiner mehr als 45-jährigen Laufbahn viele Schlachten geschlagen. Oft war er es, der seine Gegner in die Ecke trieb und Positionen durchboxte. 28 Jahre im Bundestag, 12 Jahre als Staatssekretär und Bundesminister, seit 9 Jahren als Partei- und Regierungschef. Dafür zahlt er einen hohen Preis: „Ich gehe ständig an die Grenze dessen, was man sich körperlich zumuten kann.“ 2002 erlitt er eine Herzmuskelentzündung, die ihn fast das Leben kostete. Auch privat bringt Seehofer Opfer: Er habe kaum Zeit für Freunde oder Hobbys, gibt er offen zu. „Das ist sehr, sehr schmerzhaft. Aber man kann nicht Ministerpräsident sein, Parteivorsitzender sein, in Berlin mitregieren, in München regieren, und dann noch ein großes Ausmaß an Freizeit haben.“

Seehofer hat seine Gegner über die Jahre nicht immer sanft behandelt, und bis heute schreckt er auch vor lautstarkem Streit nicht zurück. Nicht umsonst werfen ihm seine Kritiker einen fast autokratischen Regierungsstil vor. Seinen Habitus konnte sich Seehofer aber nicht nur erlauben, weil er in der CSU die beiden wichtigsten Ämter innehat – sondern auch, weil er seit 2013 mit einer schier unerschöpflichen Autorität ausgestattet war. Immerhin war er es, der der CSU damals wieder zur absoluten Mehrheit im Land verhalf und im Bund für eine lange herbeigesehnte Durchschlagskraft sorgte. Im Grunde konnte Seehofer seither schalten und walten, wie er wollte. Hinzu kam eine bundespolitische Wirkungskraft, wie Seehofer es gerne selbst nennt, wie einst zu Zeiten von Franz Josef Strauß. Zu spüren bekam dies immer wieder auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Seehofers Machtarchitektur ist nun mit der Bundestagswahl stark ins Wanken gekommen. Seine vielen Kritiker wittern Morgenluft. Sie fordern einen Generationenwechsel. Das war einst auch Seehofers Plan: 2015 kündigte er an, bis zur Landtagswahl 2018 einen geordneten Übergang der Macht organisieren zu wollen. Im April dieses Jahres kam dann der Rücktritt vom Rücktritt. Über die Gründe wird viel spekuliert, am Ende dürfte es eine Mischung aus mehreren Faktoren sein: ein aus Seehofers Sicht ungeeigneter Bewerber um die Nachfolge namens Markus Söder, eigenes Machtinteresse, Sorge um die Partei.

So kommt es, dass Seehofer nun am Ende seiner langen Karriere ein Meisterstück gelingen muss, will er seinen lange sicher geglaubten Platz in der CSU-Ruhmeshalle erhalten: Obwohl er parteiintern angezählt ist, muss er für die CSU bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin das Maximum herausholen: vor allem die umstrittene Obergrenze für Flüchtlinge. Und dies in einer nie da gewesenen Jamaika-Koalition. Seehofer übt sich trotzdem in Gelassenheit: „Ich bin ein freier Mensch und als solcher agiere ich auch. Ohne Ängste oder Albträume.“

(dpa)