„Schluss mit dem Durchwursteln“

Saarbrücken/Berlin · Nach Ansicht des Leiters des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie (IMK), Gustav Horn, brauchen die Märkte von der EU das gemeinschaftliche Signal, kein Euro-Land Pleite gehen zu lassen. Nur so lasse sich wieder Vertrauen schaffen, sagte Horn im Gespräch mit unserem Berliner Korrespondenten Stefan Vetter:

Herr Horn, entscheidet sich 2012 das Schicksal des Euro?
Gustav Horn: Eindeutig ja. Mit einem weiteren Durchwursteln werden Problemländer wie Griechenland das Jahr 2012 nicht im Euro-Raum überstehen können. Nötig sind klare Entscheidungen, ob man die Einheitswährung in ihrer bisherigen Form erhalten will oder nicht.

Trotz aller Rettungsversuche droht Griechenland der Staatsbankrott. Wäre es da nicht besser, wenn Athen die Euro-Zone verlässt?
Gustav Horn: Nein. In dem Moment ist Griechenland erst recht pleite, weil es seine Auslandsschulden mit der Drachme schon gar nicht mehr bedienen könnte. Obendrein käme es zu gefährlichen Spekulationen, welches Land als nächstes in die Knie geht. Das wäre das absehbare Ende des Euro-Raums.

Merkel und Sarkozy machen sich für die Einführung einer Finanzmarktransaktionssteuer stark. Das klingt wie ein Allheilmittel.
Gustav Horn: Das ist sicher kein Allheilmittel, wohl aber ein Element vernünftiger Strategie mit Langzeitwirkung. Denn dadurch würden sich hoch spekulative Finanzgeschäfte weniger lohnen. Außerdem käme Geld in die Kasse, das alle Euro-Finanzminister dringend brauchen. Es wäre schon ein großer Fortschritt, wenn ein oder zwei Staaten bei solch einer Abgabe mit gutem Beispiel voran gingen.

Was soll ein Alleingang bringen? Spekulanten würden nur auf andere Finanzplätze ausweichen.
Gustav Horn: Das stimmt zwar, aber wenn eine solche Börsensteuer in einem Land funktioniert, würde sie sicher auch von anderen übernommen. Auf Dauer könnte es sich kein Land leisten, alle Spekulanten anzuziehen. Der Druck der übrigen Staaten, dem Einhalt zu gebieten, wäre programmiert.

Worin liegt der Vorteil, wenn der permanente Rettungsschirm ESM um ein Jahr auf Mittel 2012 vorgezogen wird?
Gustav Horn: Dadurch hätte man schon früher deutlich mehr Mittel zur Verfügung. Allerdings sehe ich in dieser Aktion nur eine begrenzte Wirkung für die Märkte, denn die Mittel reichen definitiv nicht aus, um womöglich auch ein Land wie Italien zu retten.

Das Ende der Fahnenstange bei den Rettungsmilliarden ist demnach noch nicht erreicht?
Gustav Horn: Genauso ist es. Kurzfristig wird kein Weg daran vorbei führen, dass die Europäische Zentralbank weiterhin Staatsanleihen kauft, falls die zu sehr unter Druck geraten. Notfalls auch deutlich mehr als bisher.

Was erwarten Sie vom nächsten EU-Krisengipfel Ende Januar?
Gustav Horn: Um endlich wieder Vertrauen bei den Märkten herzustellen, wäre ein gemeinsamer Beschluss geboten, kein Euro-Land Pleite gehen zu lassen. Man könnte das dadurch unterstützen, dass sich die EU-Länder verpflichten, für einen Teil der Schulden zumindest vorübergehend die gemeinschaftliche Haftung zu übernehmen.