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Saarland diskutiert, ob Schüler ohne Prüfung Abiturerhalten können

Kostenpflichtiger Inhalt: Bildung im Saarland : Die Abiprüfungen stehen auf den Prüfstand

Es werden Stimmen laut, die dafür plädieren, die Abschlussnote einfach aus bisherigen Leistungen zu errechnen – möglich wäre dies durchaus.

Abi ohne Prüfung? Zehntausenden Schülerinnen und Schülern in ganz Deutschland gefällt das. Zumindest findet eine entsprechende Online-Petition starken Zulauf – und der Bundesverband der Philologen hält diese Lösung in Zeiten der Corona-Krise für möglich. Mit Schleswig-Holstein will nun das erste Bundesland diesen Weg gehen und an diesem Mittwoch über einen entsprechenden Vorschlag im Landesparlament entscheiden. Im Saarland sehen Politik sowie Lehrer- und Schülervertretungen den Petitions-Vorschlag bisher skeptisch. Sie warnen vor Ungerechtigkeiten.

Vor fünf Tagen hatten zwei Schüler aus Hamburg bei der Petitions-Plattform Change.org ihren Vorschlag für das Problem veröffentlicht, das das gesamte Bildungssystem in Deutschland umtreibt: Wie lässt sich unter den Umständen der Ansteckungsgefahr bewerkstelligen, dass alle Schülerinnen und Schüler ihre Abschlüsse erhalten. Neben dem Infektionsrisiko führen die Hamburger psychologische und gesellschaftliche Argumente für ihre Lösung an. So hätten viele Jugendliche im Moment ohnehin mit Angst zu kämpfen, die durch die Prüfungsumstände noch verschlimmert werde. Zudem fehle etwa der Austausch untereinander, und die zum Lernen nötigen Rechner müssten mit Eltern und Geschwistern geteilt werden. Gleichzeitig unterstützten viele Schülerinnen und Schüler ihre Großeltern bei den Einkäufen oder passten auf ihre Geschwister auf. Daher falle es schwer, sich auf den Lernstoff zu konzentrieren. Ihre Lösung: Ein „Durchschnittsabitur“, bei dem die Endnote aus den bisherigen Klausuren und anderen Leistungen errechnet wird.

Im saarländischen Bildungsministerium verfolgt man diesen Vorschlag genau. „Wir können die Sorgen der Schülerinnen und Schüler nachvollziehen“, heißt es in einer Stellungnahme. Ihnen dürfe durch die besondere Situation kein Nachteil entstehen. „Deshalb werden auch flexible und vor allem pragmatische Lösungen notwendig sein, die mit pädagogischem Augenmaß umzusetzen sind,“ sagt Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD). Doch derzeit halte ihr Haus an der Planung fest, die auf die Zeit ab dem 25. Mai verschobenen Abiturprüfungen stattfinden zu lassen.

Usamah Hammoud, saarländischer Landesschülersprecher, plädiert dafür, die in der Petition vorgebrachten Sorgen ernstzunehmen. Dennoch sieht er das Durchschnittsabitur nur als eine Notlösung: „Viele zählen darauf, ihren Schnitt durch die Prüfungen zu verbessern.“ Daher setze er auf den bisherigen Plan, die Abiturprüfungen lediglich zu verschieben – solange die Gesundheitsbehörden dies für verantwortbar halten.

Der Vorsitzende des saarländischen Philologenverbands, Marcus Hahn, gibt zu bedenken, dass die Prüfungen des Abiturs sich von denen anderer Abschlüsse unterscheiden. Sowohl durch ihre Länge als auch durch den Umfang des Lernstoffes werde besonders getestet, ob junge Menschen geeignet für ein Studium sind. Gleichzeitig pflichtet er seinem Bundesverband bei: „Es ist möglich, die Endnote aus den vorigen Leistungen zu errechnen.“ Im Zweifelsfall dürfe man nicht hals­starrig auf die Prüfungen bestehen, sagt Hahn.

Für Lisa Brausch im Vordergrund, dass es keine Nachteile für die Jugendlichen geben darf. Laut der Vorsitzenden des saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands gibt es verschiedene Schülertypen: Die einen arbeiteten jahrelang kontinuierlich an ihren Noten und ängstigten sich eventuell vor den Prüfungen. Andere hofften auf diese Tests, um den eigenen Schnitt zu retten. „Auch wegen der Zugangsbeschränkungen vieler Studiengänge könnten Ungerechtigkeiten entstehen, wenn die Prüfungen von Land zu Land anders ablaufen“, fügt Brausch hinzu.

Aus diesen Gründen pocht auch Birgit Jenni von der saarländischen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft auf eine bundesweit einheitliche Lösung. Festlegen könne sie sich daher erst nach Absprache mit den anderen Landesverbänden. Sollte das Parlament in Schleswig-Holstein für das Durchschnittsabitur stimmen, wäre die Hoffnung auf vergleichbare Standards für ganz Deutschland passé: In Hessen laufen derzeit die Abschlussprüfungen, in Rheinland-Pfalz sind sie beendet.

Ein Blick in die Geschichte scheint zumindest eine Befürchtung zu bekräftigen. Ein so genanntes Notabitur gab es zuletzt während des Zweiten Weltkriegs. Um junge Menschen schneller an die Front schicken zu können, verkürzte man ihre Prüfungen stark oder strich den schriftlichen Teil gänzlich. Diesen Abschluss mit „Reifevermerk“, den die Schülerinnen und Schüler damals anstelle des echten Abiturs erhielten, erkannten später nur wenige Hochschulen an.