Saarbrücker Pascal Hector Stellvertreter des deutschen Botschafters

Poträt der Woche : Ein Top-Diplomat aus Saarbrücken in Paris

Der Saarbrücker Pascal Hector hat eine Top-Karriere im Auswärtigen Dienst hingelegt. Aktuell ist er der Stellvertreter des deutschen Botschafters in Paris. Bereits sein Großvater und Großonkel machten mit der deutsch-französischen Aussöhnung Politik.

Selbst wenn man ihn nicht von Fotos kennen würde, man wüsste, auf wen man auf der in einen Brutofen verwandelten Terrasse eines Saarbrücker Restaurants zusteuern müsste: auf den einzigen Mann mit dunkelblauem Anzug, weißem Hemd und dezent gestreifter Krawatte. Immerhin hat sich Pascal Hector (57) eine lässige Lounge-Ecke als Sitzplatz ausgesucht. Und die Weste, sonst unverzichtbarer Teil seiner Arbeitskleidung, die habe er auch weggelassen, verrät er.

Ansonsten aber wird Hector – nach Außenminister Heiko Maas (SPD) der fraglos einflussreichste Saarländer im politischen Auslands-Dienst – ein formvollendetes Bild vom distinguierten Diplomaten abliefern, eines Mannes, der nicht einfach eine berufliche Tätigkeit ausübt, sondern eine spezielle Lebensart repräsentiert. Deshalb sind kurze Hosen bei Hector auch im Urlaub tabu, seine Standard-Abendbeschäftigung besteht aus gesellschaftlichen Events, bei denen er mit der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Elite dieser Welt zusammentrifft, mitunter auch bei ihm zu Hause. Wo das ist? In der Nähe des Triumphbogens.

Hector arbeitet als Gesandter an der Deutschen Botschaft in Paris, vertritt den Botschafter Nikolaus Meyer-Landrut und wird, wenn dieser verhindert ist, dann auch schon mal zum heimischen Gastgeber für Bundesminister, etwa für die Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, oder Bundes-Gesundheitsminister Jens Spahn. Die prominente Nichte seines Chefs, die Sängerin Lena Meyer-Landrut, hat Hector freilich noch nie getroffen. Generell bemüht er sich, alles Glamouröse, was man mit seinem Arbeitsumfeld verbindet, durch Bescheidenheit und Seriosität vergessen zu machen.

Diskretion, auch die in eigener Sache, ist bei Diplomaten zudem ein in die DNA gefrästes Programm. Insofern erübrigen sich Fragen zu seinen Gastland-Vorlieben oder Karriere-Wünschen. Auch Politik ist eigentlich tabu. Welch ein Jammer, zählen Diplomaten seines Ranges doch qua Amt zu den kompetentsten Polit-Analytikern des jeweiligen Gastlandes. Die Beobachtung der dortigen Politik und das Berichte-Verfassen darüber zählt zu den Hauptaufgaben eines Gesandten. Also hätte man gerne Hectors Meinung zum türkischen Präsidenten Erdogan gehört, schließlich tat er drei Jahre lang in Ankara Dienst. Ein Lächeln ist die Antwort.

Doch der gebürtige Saarbrücker ist dann doch nicht zum Interview erschienen, um Winston Churchill zu folgen, der meinte, Diplomaten seien Menschen, die zweimal nachdächten, um dann nichts zu sagen. Von wegen. Über seine außergewöhnliche Familiengeschichte spricht Hector stolz und gern, denn sie ist nicht nur in ganz außerordentlichem Maß deutsch-französisch geprägt, sondern relevanter Teil der Regionalgeschichte. Hectors Großvater Jacob Hector (1872-1954) war Saarlouiser Bürgermeister und zwischen 1920 und 1923 Mitglied der Regierungskommission des Saargebietes. 1933 kämpfte er gegen die Rückgliederung an Hitler-Deutschland und verbrachte die Zeit des Krieges als Emigrant in Frankreich, dessen Staatsbürgerschaft er angenommen hatte.

Sein Sohn Edgar Georg Maria Hector wiederum, Pascal Hectors Onkel, Franzose wie sein Vater, kümmerte sich in Paris zwischen 1935 und 1945 um Saarflüchtlinge, beriet danach die französische Militärregierung in Saarbrücken und wurde 1947 für die Christliche Volkspartei (CVP) in den Saarbrücker Landtag gewählt. Schließlich stieg er unter Ministerpräsident Johannes Hoffmann zum umstrittenen Innenminister auf, der mit polizeistaatlichen Maßnahmen gegen Kritiker vorging. Nach der Ablehnung des Saarstatus kehrte er 1957 nach Paris zurück, um dann noch auf europäischer Ebene in Brüssel zu wirken.

„Die Aussöhnung und die Überwindung des Nationalismus sind eine Familientradition“, so Hector, der in Frankreich über 90 Verwandte hat. Er selbst belegte den französischen Zweig des deutsch-französischen Gymnasiums in Saarbrücken, seine beiden Söhne besuchen das deutsch-französische Gymnasium in Buc. Und fragt man ihn, was er am Saarland am meisten schätzt, kommt er über die Frankreich-Strategie bei aller gebotenen diplomatischen Zurückhaltung nahezu ins Schwärmen: „Es ist ein Alleinstellungsmerkmal, eine einmalige Chance. Das wird den jungen Saarländern beruflich ein Plus bringen, denn Deutsche, die sehr gut Französisch können, sind selten in der Welt.“ Außerdem hält Hector die Schnellzug-Verbindung Paris-Saarbrücken nicht nur persönlich für einen Segen, da er häufiger pendelt, seitdem er nach dem Tod seiner Mutter das Elternhaus verkaufen muss.

„So eng wie das deutsch-französische Verhältnis ist kein anderes weltweit“, sagt Hector und verweist auf Austauschbeamte, die im jeweils anderen Land Zugang zu allen Akten hätten. Doch die vertrauensvolle Nähe führe nicht zwangsläufig zu einer Schönwetterbeziehung: „Es gibt darüber ein tiefgehendes Missverständnis. Viele denken, Deutschland und Frankreich müssten immer einer Meinung sein, dabei liegt die hohe Qualität ihrer Partnerschaft darin, dass sie, gerade weil sie verschiedene Traditions-Linien in Europa repräsentieren, um Gemeinsamkeit ringen müssen.

„Die Transformation der Gegensätze in Kompromisse, die in der Regel dann auch für andere europäische Länder akzeptabel sind, ist der eigentliche Kern des deutsch-französischen Verhältnisses“, so Hector, der mitunter klingt, als halte er eine Vorlesung am Europainstitut der Saar-Universität, wo er seit 25 Jahren Dozent ist, 2005 erhielt er die Honorarprofessur. Was hält er intern für die größte Gefährdung der Europäischen Union (EU)? Den Populismus. Zunehmend argumentierten und agierten Politiker nicht mehr faktenorientiert, meint er, siehe Brexit. Extern hält er die Systemkonkurrenz mit China für die Haupt-Herausforderung. Während der Westen ökonomischen Fortschritt mit der Freiheit verschweiße, löse China das Wohlstandsversprechen von der Realisierung der Menschenrechte ab.

Hector kennt die EU-Verfassung wie seine Westentasche, schließlich hat er daran zwischen 2002 und 2004 mitgeschrieben, als Stellvertretender Leiter im dafür zuständigen Sekretariat im deutschen Auswärtigen Amt. Für ihn war das die „kreativste Phase“ seiner Berufslaufbahn, und es klingt ein ganz wenig nach Stolz.

Ansonsten driften die Schilderungen kaum je in Richtung Emotion, selbst in Bezug auf das Saarland nicht, wo er, wie er sagt, bis zu seinem 27. Geburtstag die „prägendsten Jahre“ seines Lebens verbrachte. Schließlich fand er hier auch seine Ehefrau, eine Saarbrückerin, die Pharmazie studierte. Und nicht selten nimmt Hector Lyoner aus Saarbrücken mit nach Paris. Das läuft dann ausnahmsweise mal ganz privat.

Mehr von Saarbrücker Zeitung