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„Saar 21 Down-Syndrom“ warnt vor Gesellschaft, die sich Babys designt

Rosemarie Bock von „Saar 21 Down-Syndrom“ zu Gratis-Bluttest auf Trisomie 21 : „Es ist zu befürchten, dass es mehr Abtreibungen geben wird“

Gratis-Bluttest auf Trisomie 21? Die Vorsitzende des Vereins „Saar 21 Down-Syndrom“ warnt vor einer Gesellschaft, die sich ihre Babys „selbst designt“.

Zum Welt-Down-Syndrom-Tag am 21. März hat die Saarbrücker Zeitung bereits über Rosemarie Bick und ihre Tochter Annabel berichtet. Bick engagiert sich seit zwölf Jahren als Vorsitzende des Vereins „Saar 21-Down-Syndrom“, ihre 14-jährige Tochter hat Trisomie 21. Sie verfolgt die Debatte um die Bluttests auf Down-Syndrom sehr genau.

Frau Bick, Sie hatten wenige Tage nach der Geburt erfahren, dass ihre Tochter Annabel das Down-Syndrom hat. Vor allem die erste Zeit war nicht immer einfach für Sie. Wie stehen Sie zur aktuellen Debatte um die Bluttests zur Bestimmung von Trisomie 21?

BICK Wir sind in unserem Verein noch nicht zu einer abschließenden Meinung gekommen. Darüber müssen wir noch intern diskutieren, weil das Thema kompliziert ist. Ich persönlich sehe es sehr differenziert, gerade auch den Punkt mit der Kostenübernahme.

Der Test zur Feststellung von Trisomie 21 kostet rund 500 Euro.

BICK Ja, das können sich oft nur besser betuchte Paare leisten.

Heißt das, Sie würden eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse befürworten?

BICK Ich habe nichts dagegen. Mir geht es um gleiche Möglichkeiten für alle Risikoschwangeren. Es ist unfair, die Entscheidung über das Testen oder Nicht-Testen dem Geldbeutel zu überlassen. Aber den Eltern, die das tun, muss auch klar sein: Kein Test ist zu hundert Prozent sicher.

In ersten Studien erreichte der Test immerhin eine Zuverlässigkeit von 98 Prozent. Auch wenn ein Test, der Trisomie 21 anzeigt, nicht automatisch bedeutet, dass die Frauen dann auch abtreiben, oder?

BICK Nein, aber sie werden zum Teil von Gynäkologen unter Druck gesetzt. Derzeit liegt die Abtreibungsrate für Föten mit Down-Syndrom bei 85 Prozent. Die Ärzte gehen nach einer Diagnose automatisch davon aus, dass die Frauen abtreiben wollen. Da muss sich einiges in der Kommunikation ändern.

Wie?

BICK Man könnte Seminare für Gynäkologen anbieten, in denen sie für den Umgang mit der Diagnose Trisomie 21 geschult werden. Das diskutieren wir derzeit.

Haben Sie Angst, dass die Abtreibungsrate steigt, wenn die Krankenkassen die Kosten übernehmen?

BICK Ja, das ist zu befürchten. Die Zahl ist jetzt schon erschreckend hoch. Es darf in Zukunft auf keinen Fall so werden, dass alle machbaren Tests für alle Schwangeren zum Regelfall werden. Unsere leider sehr leistungsorientierte Gesellschaft darf sich ihre Babys nicht selbst designen können. Die Einzigartigkeit jedes Menschen, auch in seiner Unvollkommenheit, ist ein hohes Gut.

Sie selbst hätten per Fruchtwasseruntersuchung schon frühzeitig Hinweise auf die Genveränderung Ihrer Tochter haben können. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?

BICK Ich hätte mich zu 100 Prozent gegen eine Abtreibung entschieden. Da erübrigte sich der Test.

Verurteilen Sie Frauen, die einen Fötus mit Trisomie 21 entfernen lassen?

BICK Es gibt viele Ängste und Fehl­informationen. Wenn die Frauen zum Thema Trisomie 21 besser informiert wären, würden sie sich vielleicht eher gegen eine Abtreibung entscheiden. Trotzdem verurteile ich keine Frau, die diese schwierige Entscheidung trifft. Ich persönlich hatte Unterstützung, mein Mann und ich waren gesettelt. Ich war nicht 18 und alleinstehend. Es kommt immer auf die Gesamtverhältnisse an.

Den Artikel vom 17. März 2019 über Rosemarie Bick und ihre Tochter Annabel lesen Sie online unter: www.saarbruecker-zeitung.de/annabel