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Richard von Weizsäcker und seine Rede vom Tag der Befreiung. An diesem Mittwoch wäre der ehemalige Bundespräsident 100 Jahre alt geworden.

Zum 100. Geburtstag des ehemaligen Bundespräsidenten : Richard von Weizsäcker und seine Rede vom Tag der Befreiung

An diesem Mittwoch wäre der ehemalige Bundespräsident 100 Jahre alt geworden. Er galt vielen als Idealtypus des Staatsoberhaupts.

„Die Rede war ein starkes Signal mit nachhaltiger Wirkung nach innen wie nach außen. Seine Aufforderung und erklärte Bereitschaft, der historischen Wahrheit ins Auge zu schauen, war eine Botschaft sowohl an die Deutschen wie an unsere Nachbarn, frühere Gegner und heutige Partner in der Welt.“ Mit diesen Worten würdigt Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert die wohl wichtigste Rede Richard von Weizsäckers, die Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in Europa – das sich nun in wenigen Tagen zum 75. Mal jährt. Von Weizsäcker wäre an diesem Mittwoch 100 Jahre alt geworden.

Die Rede des damaligen Bundespräsidenten von Weizsäcker 1985 im Bundestag war auch eine Klarstellung: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Flucht und Vertreibung dürften nicht losgelöst gesehen werden von der Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. „Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“ Viele Konservative klatschten damals nicht, für sie ist der 8. Mai weiterhin vor allem ein Tag der Niederlage, ein Tag des verlorenen Krieges.

Der Gedanke, dass der 8. Mai Befreiung war, ist schon damals nicht ganz neu. Dass er jedoch von einem aus der CDU kommenden Bundespräsidenten zu einer Zeit vorgetragen wird, da sein eigenes Lager, dem auch Vertriebene angehörten, zum Teil noch weit von derlei Erkenntnis entfernt ist, gibt der Rede eine neue Dimension, setzt, wie es der heutige Vorsitzende der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung Lammert sagt, Maßstäbe, die danach nicht mehr so leicht zu umgehen sind.

Richard von Weizsäcker galt vielen Deutschen als Idealtypus eines Staatsoberhaupts. Als Präsident von 1984 bis 1994 verkörperte er nach Weltkrieg und Holocaust das geläuterte, das weltoffene Deutschland. Mit unabhängigem Geist und scharfem Verstand, mit seiner „Gabe zur Versöhnung“ und „zur Wahrhaftigkeit gegen Jedermann (...) hat er unser Land zum Besseren verändert, nach innen wie nach außen“ und wurde „ein Vorbild für Konservative und Liberale, für Linke und Grüne gleichermaßen“, schrieb Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem am Dienstag veröffentlichten Brief an die Witwe Marianne von Weizsäcker. Von Weizsäcker „war damit ein Glücksfall für unser Land und die deutsche Demokratie“, sagt die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer. Und Lammert argumentiert: „Mit dem hohen Ansehen, das er auch international genoss, vermochte er als erster Präsident des vereinten Deutschlands, Vorbehalte gegenüber der künftigen Rolle der Bundesrepublik als größtem Mitgliedsstaat in einem zusammenwachsenden Europa abzubauen.“ Schon anlässlich des Todes Richard von Weizsäckers am 31. Januar 2015 im Alter von 94 Jahren sagte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck: „In großer Dankbarkeit verneige ich mich vor einem großen Deutschen.“ Und Kanzlerin Angela Merkel erinnerte sich damals: „Ich werde nie seine Ansprache am 3. Oktober 1990 vergessen und meinen inneren Jubel, als er sagte: ,So erleben wir den heutigen Tag als Beschenkte. Die Geschichte hat es dieses Mal gut mit uns Deutschen gemeint.’“ Dankbar zeigt sich von Weizsäcker, dass die Wiedervereinigung in seine Amtszeit fällt. Frühzeitig hatte er, der CDU-Abgeordnete, mit der Ostpolitik Willy Brandts sympathisiert. Er würdigt zwar die Entscheidungen Kohls, kritisiert aber, dass die Politik den Wählern im Westen vorgemacht habe, „die Vereinigung kostet euch nichts“.

Richard Freiherr von Weizsäcker,  am 15. April 1920 in Stuttgart geboren, wächst im „preußischen“ Berlin heran. Er stammt aus dem schwäbischen Bildungsbürgertum. Großonkel, Onkel und Bruder Carl Friedrich sind renommierte Wissenschaftler.