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Querdenker - Radikalisierung mit Ansage

Querdenker : Radikalisierung mit Ansage

Querdenker gehen gegen Impfwillige und Impfzentren vor, rasten aus, wenn sie zur Einhaltung der Maskenpflicht angehalten werden. Das betrifft natürlich nicht alle, die eine andere Meinung zur Corona-Politik haben. Aber die Radikalisierung war lange angelegt.

Die ersten Querdenker-Demonstrationen schienen noch Ausdruck einer auch in Krisenzeiten lebendigen Demokratie zu sein. Mag die Plausibilität von wissenschaftlichen Empfehlungen und politischen Entwürfen auch noch so schlüssig sein, es ist und bleibt Ausdruck der Demokratie, dass es unterschiedliche Meinungen dazu geben kann, darf und muss. Gerichte haben deshalb auch immer wieder den Querdenkern die Straßen und Plätze der Republik für ihre Meinungsbekundung geöffnet.

Möglicherweise war es ein Fehler, dabei Verletzungen der Regeln immer wieder hinzunehmen. Wie glaubwürdig ist ein Staat, wenn er sagt: „Sie müssen eine Maske tragen, Abstand halten und auf den vorgegebenen Wegen bleiben – und wenn sie es nicht tun, ist das auch egal.“ Damit entstand die Wahrnehmung, dass eine entschlossene Minderheit mehr Rechte hat als eine gesetzestreue Minderheit.

Wenn die Querdenker nun weniger, aber wenige von ihnen radikaler werden, mag das auch damit zusammenhängen.  Ein anderer Grund liegt in der frühen Neigung vieler Querdenker, für sich die Freiheit einer anderen Meinung zu beanspruchen, diese anderen aber abzusprechen. Deshalb waren Querdenken-Kundgebungen auch oft mit martialischen Ankündigungen von Umsturz und Machtübernahme verbunden. Damit war der Kern der späteren Radikalisierung bereits sehr früh Teil der Bewegung.

Ein anderer Grund für die Entwicklung liegt in der innerlichen Radikalisierung der Gedanken. Statt stets offen für neue Erkenntnisse, Bewertungen und Forschungsfortschritte zu sein, waren viele Querdenker festgelegt auf zwei Grundannahmen. Erstens: Die Pandemie gibt es eigentlich gar nicht, sie ist nur aufgebauscht. Zweitens: Die Impfungen sind nicht nur überflüssig, sondern gefährlich. In den folgenden Monaten waren die Funktionsweisen von dynamisch sich entwickelnden Verschwörungsmythen in Zeitlupe mitzuverfolgen: Wie immer mehr die Welt der realen Fakten ausblendeten und Zuflucht zur Scharlatanerie der Weltverschwörer nahmen: Auf diese Weise glaubten viele sogar, dass alle Geimpften bis Mitte September tot sein würden.

Die äußere Radikalisierung hat mit der inneren Radikalisierung zu tun. Also mit der Überzeugung, jeden Andersdenkenden retten zu können, wenn er ebenfalls zum Gedankengerüst der Querdenker gebracht oder auch gezwungen wird. Das Ergebnis: Menschen, die die Maskenregeln einhalten und sich impfen lassen, werden beschimpft, bedrängt und attackiert – bis hin zu massiver Gewalt. Die Bedrohung für den demokratischen Rechtsstaat darf daher nicht unterschätzt werden. Verbesserte Aufklärung durch die Sicherheitsbehörden, klare Abgrenzung durch die Gesellschaft und entschiedene Reaktionen der Justiz sind die Gebote der Stunde.