Paukenschlag Die Grande Dame der SPD hört auf: Malu Dreyer zieht sich aus Politik zurück

Analyse | Berlin/Mainz · Es ist ein politischer Paukenschlag: Die SPD-Politikerin Malu Dreyer zieht sich als Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz zurück. Ihr Nachfolger soll bereits feststehen. Dreyer prägte die SPD auf ihre Weise.

 Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, zieht sich aus der Politik zurück.

Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, zieht sich aus der Politik zurück.

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Herzlichkeit und politische Härte schließen sich in der Spitzenpolitik oft aus. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer jedoch hat immer unter Beweis gestellt, dass man beides vereinen kann. Und auch als Politikerin glaubwürdig Empathie zeigen kann, ohne sich aufzudrängen.

Malu Dreyer leidet an Multipler Sklerose

Die Nachricht ihres schnellen Rückzugs noch vor der Sommerpause kam plötzlich, jedoch nicht unerwartet. Die 63-jährige Dreyer leidet seit rund zwei Jahrzehnten an einer Multiplen Sklerose. Seit vielen Jahren benötigt sie Unterstützung, etwa beim Laufen, wird bei Terminen von Mitarbeitern, Parteifreunden oder Amtskollegen gestützt. Bei längeren Wegstrecken ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Krankheit wurde bei ihr 1995 diagnostiziert, sie hielt sie lange geheim.

Erste Frau an der Regierungsspitze in Rheinland-Pfalz

In Mainz regiert sie seit 2016 in einer Ampel-Koalition mit Grünen und FPD. Zuvor hatte sie als Nachfolgerin von Kurt Beck im Jahr 2013 bereits eine rot-grüne Koalition angeführt, als erste Frau an der Regierungsspitze in Rheinland-Pfalz.

Nachfolge soll Alexander Schweitzer antreten

Ihr Nachfolger soll nun im Juli der bisherige Landesminister für Arbeit und Soziales, Transformation und Digitalisierung, Alexander Schweitzer (SPD), werden. Nach Informationen der Tageszeitung „Rheinpfalz“ soll sich Schweitzer noch vor der parlamentarischen Sommerpause im Landtag zur Wahl als Ministerpräsident stellen. Die nächste Landtagswahl in Rheinland-Pfalz ist turnusgemäß im Frühjahr 2026. Schweitzer hätte damit die Chance, bereits als profilierter Regierungschef in diese Wahl zu gehen. Der aus dem südpfälzischen Landau stammende Schweitzer ist seit der Regierungsbildung nach der Landtagswahl 2021 wieder im rheinland-pfälzischen Kabinett vertreten. Der 50-Jährige war bereits in den Jahren 2013 und 2014 Minister gewesen, zwischenzeitlich war er dann Fraktionschef der SPD im rheinland-pfälzischen Landtag.

Dreyer bestens in Bundespolitik vernetzt

Die Trierer SPD-Politikerin Dreyer ist seit vielen Jahren auch auf Bundesebene engagiert. Von 2017 bis 2019 war sie eine von fünf stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden. Dreyer ist in der Bundespolitik bestens vernetzt, in der Partei beliebt. Sie steht auch Kanzler Olaf Scholz politisch nahe. Dreyer wurde immer wieder auch als SPD-Bundesvorsitzende gehandelt – allerdings winkte sie mit Verweis auf ihre Krankheit stets ab. Nach dem Rücktritt von Andrea Nahles 2019 ließ sie sich jedoch darauf ein, die SPD kommissarisch für einige Monate zu leiten, bis die neuen Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans gewählt wurden. In der Corona-Krise sah sich die Ministerpräsidentin auch viel Kritik ausgesetzt, und die von Betroffenen so empfundene mangelhafte Aufarbeitung der Flut-Katastrophe 2021 bescherte der Mainzer Landesregierung ebenfalls Negativschlagzeilen.

Malu Dreyer studierte Rechtswissenschaften in Mainz

Geboren wurde die als Malu bekannte Marie-Luise Dreyer am 6. Februar 1961 in Neustadt an der Weinstraße, wo sie 1980 auch ihr Abitur absolvierte. Es folgte ein angefangenes Studium der Anglistik und Theologie und ein abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaften in Mainz. 1995 trat sie der SPD bei und wurde noch im selben Jahr Bürgermeisterin der Stadt Bad Kreuznach. Ab 2002 war sie Sozialministerin in Rheinland-Pfalz.

Malu Dreyer privat

Dreyer ist seit 2004 mit dem Politiker Klaus Jensen verheiratet. Er sei ihr Rückzugsort, sagt sie über ihn. Bei einem Auftritt im vergangenen Jahr sagte sie bei einer Selbsthilfegruppe von chronisch Erkrankten: „Chronische Erkrankungen sind immer belastend, aber bei MS kommt noch etwas hinzu – die Unberechenbarkeit“. Nach mehr als drei Jahrzehnten mit MS wisse sie: „Nichts ist leicht, aber vieles ist möglich.“ Sie hat bislang für die Politik immer alles möglich gemacht.