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Politische Einstellungen in der Corona-Krise: Die Rückkehr des Konservativen

Politische Einstellungen in der Corona-Krise : Die Rückkehr des Konservativen

Die Bedrohung durch das Coronavirus beeinflusst die politische Einstellung. Das lässt sich nicht nur an Umfragen ablesen, sondern ist auch psychologisch erklärbar.

In der Corona-Krise legen CDU und CSU in Umfragen auf Bundesebene merklich zu. Die Grünen verlieren an Zustimmung, die SPD stagniert. In Baden-Württemberg hat die CDU die Grünen erstmals seit über vier Jahren wieder in der Wählergunst überflügelt. Das heißt: Im Bund profitiert die SPD als Juniorpartner der Union derzeit nicht von ihrer Regierungsbeteiligung. Dagegen legt die CDU in Baden-Württemberg als der kleinere Koalitionspartner der Grünen zu. Trauen die Bürger der CDU/CSU am ehesten zu, mit den Problemen fertig zu werden?

„Menschen werden konservativer, wenn sie sich in irgendeiner Hinsicht bedroht fühlen“, sagt der Hirnforscher und Psychologe Professor John Bargh von der Universität Yale im US-Bundesstaat Connetticut. Bargh erforscht seit 40 Jahren, wie Menschen Entscheidungen treffen. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse: Vieles läuft im Unbewussten ab, aus dem Bauch heraus.

Jonathan Haidt, Professor an der Universität New York, befasst sich mit den moralischen Grundlagen der Politik. Er sagt, dass Liberale vor allem Fairness, Freiheit und Fürsorge für Minderheiten schätzen, Konservative hingegen Loyalität, Autorität und Reinheit. Der Aspekt Reinheit beinhaltet auch die Vermeidung von Verletzungen und die Abwehr von Krankheitserregern. John Bargh spricht von einem „unbewussten Bedürfnis“ nach körperlicher Unversehrtheit, das sich im Laufe der menschlichen Evolution entwickelt habe und fest in uns verankert sei. Wir achten zum Beispiel darauf, nichts zu essen, was verdorben riecht und schmeckt.

Bargh und seine Kollegen luden Studenten an der Universität Yale, die die Mensa besuchten, zu einem Experiment ein. Am Eingang wurden alle eindrücklich an die aktuelle Grippewelle erinnert. Eine Gruppe erhielt ein Desinfektionsmittel zum Händewaschen, eine andere jedoch nicht. „Wie erwartet“, schreiben die Forscher, „zeigten die Teilnehmer, die sich die Hände hatten desinfizieren können, eine positivere Einstellung gegenüber Einwanderung als die Gruppe ohne Desinfektionsmittel.“

„Allein Gedanken an Infektionen machen Menschen Fremden gegenüber verschlossener“, schreibt der Berliner Philosoph Philipp Hübl. Auch er hat die Zusammenhänge zwischen Moral und Politik erforscht. Er sieht Ekel als „eine zentrale politische Emotion“. Sie wirkt jedoch im Unbewussten. Die Sehnsucht der Konservativen nach Reinheit geht mit dem Ekel vor Krankheitskeimen einher. „Konservatismus basiert auf Angst und Ekel“, erklärte Hübl schon drei Jahre vor der Corona-Krise. „Konservative halten die Welt eher für bedrohlich. Ein Leitprinzip lautet: Schutz vor Gefahr.“

Eine Bedrohung der Gesundheit wirke sich unmittelbar auf die politische Einstellung eines Menschen aus, sagt John Bargh. „Einen Liberalen kann man zu konservativen Einstellungen bewegen, indem man ihn bedroht und ihm Angst einjagt.“ Bedrohung und Angst spielen bei der Corona-Pandemie eine große Rolle. Professor Paul Nail von der University of Central Arkansas beschäftigt sich mit Therapien zur Angstbewältigung. Er sagt, dass Konservative eine ausgeprägtere Furcht vor dem Tod haben als Liberale.

Der Verhaltensforscher und Neurowissenschaftler Professor Robert Sapolsky von der Stanford-Universität in Kalifornien kommt zu dem Ergebnis, dass sich Linke und Rechte in ihren emotionalen Voraussetzungen unterscheiden. „Konservative neigen eher dazu, Situationen als bedrohlich zu empfinden und wünschen sich Struktur und Hierarchie.“ Auch eine höhere kognitive Belastung mache Menschen konservativer. Das Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit und Struktur sei verantwortlich für den Nachdruck, den Konservative auf Loyalität, Gehorsam sowie Recht und Ordnung legten. Das kommt in Krisenzeiten konservativen Parteien zugute, die solche Werte vorrangig vertreten. Die Forschungsergebnisse erklären, warum Konservative sich daran stören, wenn Mitbürger gegen die Corona-Regelungen verstoßen. Das untergräbt die staatliche Autorität.

Eine Studie der Universität Padua zeigt, dass Konservative im Vergleich zu Liberalen empfindlicher auf Gefahren reagieren und gegenüber möglichen Bedrohungen wachsamer sind. Diese Unterschiede werden sogar an der Größe der Gehirnareale sichtbar, die an der Verarbeitung von Empfindungen und vor allem der Furcht beteiligt sind. Eine Hirnregion namens Amygdala, nervlich gesehen der Hauptsitz der Furcht, ist bei Menschen, die sich selbst als politisch konservativ bezeichnen, größer als bei jenen, die sich nicht für konservativ halten. Das haben Gehirnforscher der Universität London herausgefunden, die 90 junge Erwachsene im Hirnscanner untersucht haben. Bei liberal eingestellten Teilnehmern war, anders als bei den Konservativen, eine Gehirnstruktur vergrößert, in der Emotionen bewusst reguliert werden können – der vordere cinguläre Kortex. „Wir konnten zeigen, dass sich politischen Einstellungen in der Struktur des menschlichen Gehirns widerspiegeln“, schreiben die Forscher. Dazu passen die Studienergebnisse, die Linda Skitka, Professorin für Psychologie an der Universität von Illinois in Chicago vorgelegt hat: Konservative fällen Urteile aus dem Bauch heraus und bleiben dabei, Liberale aber „gelangen vom Bauch zum Kopf“.

Wie wir uns politisch orientieren, scheint zu einem gewissen Grad in unseren Genen zu stecken. Wissenschaftler der Universität von Kalifornien in Berkeley hatten in einer Langzeitstudie den Lebensweg von 128 Kindern über zwei Jahrzehnte hinweg verfolgt. Zu Beginn waren die Mädchen und Jungen vier Jahre alt. Die Forscher wollten herausfinden, ob es sich auf die politische Grundhaltung im Erwachsenenalter auswirkt, wenn Menschen als Kinder ängstlich und gehemmt sind. Tatsächlich neigten jene Teilnehmer, die als Kinder ängstlich und gehemmt waren, im Alter von 23 Jahren stärker zu konservativen Ansichten.

Allein das Gefühl von Kontrolle und Vorhersagbarkeit vermindere beim Menschen den Stress, berichtet Robert Sapolsky. Daher können Politiker ihr Ansehen schon dadurch steigern, indem sie das Gefühl von Sicherheit und Kompetenz vermitteln. Christopher Chabris, Professor in New York, und Daniel Simons, Professor in Chicago, haben nachgewiesen, dass bereits ein selbstbewusstes Auftreten eines Politikers die meisten Bürger beeindruckt. Selbst wenn Politiker keine Ahnung haben und mit ihren Entscheidungen letztlich falsch liegen.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse von Chabris und Simons lautet: „Die am wenigsten qualifizierten Menschen halten sich am ehesten für besser, als sie sind. Und dennoch halten wir Selbstsicherheit immer noch für ein Anzeichen von Kompetenz. Tatsächlich ist uns Selbstvertrauen bei unseren Anführern dann besonders wichtig, wenn die Fakten oder die Zukunft ungewiss sind.“