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„Papst Franziskus ist ein Populist“

„Papst Franziskus ist ein Populist“

Seit 41 Jahren schreibt der italienische Journalist Sandro Magister, 72, für die Zeitschrift L'Espresso über den Vatikan. Magister ist einer der bestinformierten, aber auch umstrittensten Papst-Berichterstatter. Die Umwelt-Enzyklika „Laudato Si“ publizierte er vorzeitig und wurde deshalb dauerhaft aus dem Vatikan-Pressesaal verbannt. Während der letzten Synode veröffentlichte er einen Brief von 13 Kardinälen, die Kritik an Franziskus übten.



Warum ein Heiliges Jahr der Barmherzigkeit?
Magister:
Seit es Heilige Jahre gibt, hatten diese immer schon den Schwerpunkt des Vergebens und des Erlassens. Früher wurden sogar Sklaven befreit oder Schulden erlassen. Insofern ist das eigentlich nichts Neues. Nur, dass Heilige Jahre normalerweise alle 25 Jahre stattfinden und nun hat der Papst ein außerordentliches Jubiläum ausgerufen und es explizit mit dem Schlagwort seines Pontifikats versehen: Barmherzigkeit.

Was will Franziskus damit erreichen?
Magister:
Der Schwerpunkt liegt noch mehr als bisher auf der Vergebung aller Sünden. Nicht mehr die Kirche selbst ist Protagonist, sondern das christliche Volk, dem sämtliche Sünden vergeben werden. Franziskus nimmt eine uralte Tradition auf, gestaltet sie aber völlig neu. Der Papst schlägt sich auf die Seite dieses Volkes und klagt implizit die kirchlichen Hierarchien an, gegen die er seit Beginn seines Pontifikats eine Schlacht führt.

Hat diese Haltung ihren Ursprung in der sogenannten Theologie des Volkes?
Magister:
Die argentinische Theologie des Volkes, der sich Franziskus verbunden fühlt, ist eine Variante der Befreiungstheologie. Nach ihr sind die Massen, gerade auch benachteiligte Bevölkerungsgruppen in den Peripherien, Träger besonderer Weisheit und Spiritualität.

Was halten die kirchlichen Hierarchien im Vatikan von diesem Paradigmenwechsel?
Magister:
Wenig. Franziskus lässt ja auch keine Gelegenheit aus, dem Klerus Vorwürfe zu machen, er sei verschlossen, formbesessen und überstreng. Der Papst, eigentlich der Kopf dieser Hierarchie, hat die Seiten gewechselt. Er ist im Wortsinne Populist und gibt sich als charismatischer Prediger. Dadurch gewinnt er zusätzlich an Popularität.

Sind die Vorwürfe gegen den Klerus nicht berechtigt?
Magister:
Natürlich hat diese Anklage wahre Elemente. Aber sie ist unverhältnismäßig. Franziskus zeichnet das Zerrbild einer verschlossenen Kirche, die nicht fähig zur Vergebung und Barmherzigkeit ist. Das hat mit der Realität nichts zu tun und schwächt ihre Botschaft. Wenn die Kirche aufhört zu urteilen, hat sie dem Zeitgeist schon nachgegeben.

Ist Franziskus das Ende der Kirche als Gegenentwurf zur Welt?
Magister:
Von Beginn an, schon während des Römischen Reiches, hat sich die Kirche nicht der Gegenwartskultur angepasst. Wenn die Kirche dies aber macht, verliert sie den Sinn ihrer Existenz. Insofern ist der berühmte und programmatischste Satz des Papstes "Wer bin ich, dass ich urteile..." beinahe tödlich. Eine Kirche, die nicht mehr urteilt, billigt alles.

Wie kann der Papst seinen Weg gegen die Hierarchien durchsetzen?
Magister:
Unter den Bischöfen weltweit und im Vatikan fühlt sich eine Mehrheit noch Johannes Paul II. und Benedikt XVI. verpflichtet. Man ist unzufrieden mit Franziskus. Das war auch bei der Synode zu sehen, bei denen der Papst keine Mehrheit für seine Positionen, etwa für die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion, bekam. Es ist nicht leicht für Franziskus.

Welche Rolle spielt der Faktor Zeit für den Erfolg des Papstes?
Magister:
Franziskus hat betont, dass es für ihn wichtig ist, Prozesse anzustoßen und sie nicht unbedingt abschließen zu müssen. Das entspricht seinem Programm, er sagt nie ein definitives Wort, sondern formuliert so offen, dass sich Diskussionen entwickeln. Franziskus ist ein Papst der Bewegung. Er will soviele Fragen wie möglich anstoßen, die auch seine Nachfolger nicht einfach abschneiden können.