Noch Spuren der Teilung in der politischen Kultur

Berlin · Auch 25 Jahre nach der Einheit ticken Ost- und Westdeutsche politisch unterschiedlich. Allerdings mit abnehmender Tendenz und nicht durchgehend. Das ergab eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW), die in dieser Woche veröffentlicht wird und unserer Zeitung vorliegt.Erstellt wurde sie auf der Basis vorhandener Statistiken und Umfragen.

Der hartnäckigste Unterschied besteht demnach bei der Beteiligung an Bundestagswahlen. Im Osten ist sie durchweg seit der Einheit um drei bis acht Prozent niedriger als im Westen gewesen, und das in allen Altersgruppen. Also auch bei jenen, die erst nach der Wiedervereinigung groß wurden. Bei Europawahlen hat es seit 2004 eine Annäherung auf beiderseits niedrigem Niveau gegeben. Bei Kommunalwahlen war es mal im Osten, mal im Westen besser.

Bei Landtagswahlen driften die Teilnehmerzahlen erst seit kurzem auseinander - sie lassen in den neuen Ländern noch stärker nach und liegen oft schon unter 50 Prozent. Auch die geringere Zahl von Initiativen für Volksentscheide - 4,5 je 100.000 Einwohner im Osten, 6,7 im Westen - deutet auf ein niedrigeres Interesse an politischer Beteiligung in den Beitrittsgebieten hin.

Dabei ist das grundsätzliche Interesse an Politik dort kaum geringer als im Westen. Die Unterschiede bewegen sich bei den entsprechenden statistischen Messgrößen laut der Studie "im Bereich der Fehlertoleranz". Anders ist es, wenn gefragt wird, wie wichtig man eigenes, persönliches Engagement empfinde. Dann liegt der Westen klarer vorn. Noch mehr gilt das, wenn es um die feste Bindung an Parteien geht. 50 Prozent der Westdeutschen geben sich als Anhänger einer bestimmten Partei aus, aber nur 41 Prozent der Ostdeutschen. Das bedeutet: Das allgemeine Interesse an Politik ist ähnlich, das konkrete Engagement im Westen aber ausgeprägter.

Erstaunlich ähnlich sind sich Ost- und Westdeutsche inzwischen in ihren Auffassungen über den Staat. 91 Prozent der Ost- und 88 Prozent der Westdeutschen sahen ihn 2014 in der Pflicht, bei Krankheit, Not, Arbeitslosigkeit oder im Alter für ein Auskommen zu sorgen. Kurz nach der Wende waren die Ostdeutschen noch zu 99 Prozent dieser Meinung gewesen, die Westdeutschen zu 91 Prozent. Bis heute allerdings unterscheiden sich die Bewohner der neuen Länder noch sehr deutlich von den "Wessis" in ihrer Einschätzung über die soziale Qualität Deutschlands. Sie finden die sozialen Unterschiede häufiger zu groß und Gewinne eher ungerecht verteilt als Bürger in den alten Ländern. Hier liegt wohl eine der Ursachen für den markantesten Unterschied in der politischen Kultur in den beiden ehemaligen Teilgebieten, der auch nach 25 Jahren unverändert existiert: Im Osten ist die Linke mit rund 25 Prozent klar eine Volkspartei, im Westen mit fünf Prozent laut Studie "eine Randerscheinung".

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