Mahnende Klima-Berichte zur COP28 Von drohenden Kipppunkten und dem Kampf ums Umsteuern

Berlin · Während auf der Weltklimakonferenz in Dubai der globale Ausstieg aus fossilen Energien weiterhin hart umstritten ist, zeigen neue Klima-Berichte das ganze Ausmaße der Klimakrise. Das laufende Jahr bricht einen neuen globalen Temperaturrekord. Und die Wahrscheinlichkeit, das gefährliche Klima-Kipppunkte überschritten werden, wird immer größer.

 Der Kollaps des grönländischen Eisschilds ist einer der drohenden Kipppunkte, vor dem mehr als 200 Forschende aus aller Welt in einer neuen Studie warnen.

Der Kollaps des grönländischen Eisschilds ist einer der drohenden Kipppunkte, vor dem mehr als 200 Forschende aus aller Welt in einer neuen Studie warnen.

Foto: dpa/Chris Szagola

Zur Halbzeit der Weltklimakonferenz (COP 28) in Dubai führen zwei neue Berichte vor Augen, wie weit die Klimakrise global bereits vorangeschritten ist. So hat der EU-Klimawandeldienst Copernicus das laufende Jahr zum heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen Mitte des 19. Jahrhunderts erklärt. Die Organisation hält es für praktisch ausgeschlossen, dass der Dezember daran noch etwas ändere, wie sie am Mittwoch mitteilte. Demnach lagen die globalen Durchschnittstemperaturen 1,46 Grad über dem vorindustriellen Referenzzeitraum von 1850 bis 1900. 2023 verdrängt damit 2016 auf dem Rang des bisher heißesten Jahres.

Parallel dazu warnen Wissenschaftler in einer neuen Studie davor, dass durch die bisherige Erderwärmung sogenannte Kipppunkte schneller als bisher angenommen erreicht werden könnten. „Das Überschreiten von Kipppunkten kann grundlegende und mitunter abrupte Veränderungen auslösen, die das Schicksal wesentlicher Teile unseres Erdsystems für die nächsten Hunderte oder Tausende von Jahren unumkehrbar bestimmen könnten“, erklärte Sina Loriani vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), einer der Hauptautoren der Studie, an der mehr als 200 Forschende aus aller Welt beteiligt waren.

Unter Kipppunkten versteht man, wenn die Erderwärmung bestimmte Schwellen überschreitet und dadurch in Teilen des Erdsystems Veränderungen ausgelöst werden, die sich selbst verstärken und unumkehrbar sein  können – mit potenziell verheerenden Folgen. Laut dem Bericht laufen fünf große Kippsysteme bereits jetzt Gefahr, ihren jeweiligen Kipppunkt zu überschreiten: der grönländische und westantarktische Eisschild, die subpolare Wirbelzirkulation im Nordatlantik, Warmwasserkorallenriffe und einige Permafrost-Gebiete. „Wenn die globale Erwärmung auf 1,5°C ansteigt, könnten mit borealen Wäldern, Mangroven und Seegraswiesen drei weitere Systeme in den 2030er Jahren vom Kippen bedroht sein“, teilte das PIK mit.

Die Wissenschaftler mahnen, dass diese Kipppunkte Bedrohungen in einem Ausmaß darstellen, mit dem die Menschheit noch nie konfrontiert gewesen sei. „Diese Bedrohungen könnten in den kommenden Jahrzehnten eintreten, und zwar bei einer geringeren globalen Erwärmung als bisher angenommen.“ Als mögliche Folgen nennen die Studienautoren den weltweiten Verlust der Fähigkeit, wichtige Grundnahrungsmittel anzubauen, also die Gefahr einer Ernährungskrise. Gewarnt wird auch vor einer Eskalation, durch die der Zusammenbruch wirtschaftlicher, sozialer und politischer Systeme droht.

Trotz dieser düsteren Szenarien halten es die Forschenden noch nicht für zu spät zum Handeln. Sie sprechen auch von positiven Kipppunkten. „Ein positiver Kipppunkt kann andere auslösen und einen Dominoeffekt des Wandels bewirken.“ Sie skizzieren ein Beispiel: Wenn Elektrofahrzeuge zum vorherrschenden Transportmittel werden, senkt das die Kosten für Batterietechnologie, was wiederum die notwendigen Speicherkapazitäten bieten kann, die für den Ausbau der erneubaren Energien notwendig sind.

Doch jenseits der wissenschaftlichen Szenarien wird auf der COP 28 weiter hart um das Ziel gerungen, sich auf einen globalen Ausstieg aus den fossilen Energien zu verständigen. Sie sind der Grund, der die weltweiten Emissionen weiter steigen lässt – allen Warnungen zum Trotz.

„Die Welt erlebt in Dubai ein letztes Aufbäumen der fossilen Industrie“, sagte Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) unserer Redaktion. Doch letztendlich wüssten die Ölländer längst selbst, dass ihre Geschäftsgrundlage wegfallen werde und sie würden deswegen kräftig in erneuerbare Energien investieren, so die SPD-Politikerin. „Es wird jetzt ernst. Dass der Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas kommen wird, ist sicher.“ Schulze räumte zugleich aber ein: „Ob er schon in Dubai beschlossen wird, ist ungewiss.“

Auch Jennifer Morgan, Chefverhandlerin der deutschen Delegation auf der COP 28, ließ durchblicken, wie zäh die Verhandlungen sind. „Umstritten ist weiterhin der Ausstieg aus fossilen Energieträgern, da erkennt man große Unterschiede zwischen einzelnen Staaten“, sagte Morgan unserer Redaktion. „Status Quo ist keine Option. Transformation ist die einzige Option“, betonte die Staatssekretärin im Auswärtigen Amt. Jedem müsse klar sein, dass man in Dubai um das Energiesystem der Zukunft ringe. „Erneuerbare sind die Zukunft, das Ende des fossilen Zeitalters muss hier auf der COP greifbar werden“, so Morgan.

Weniger umstritten als der Abschied von den Fossilen ist das Ziel, die Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2030 weltweit zu verdreifachen und die Rate der Energieeffizienz zu verdoppeln. Die Weltklimakonferenz läuft noch bis zum 12. Dezember.

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