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Berlin: Mit Doppelspitze doppelt so stark?

Berlin : Mit Doppelspitze doppelt so stark?

An diesem Montag entscheidet die SPD, ob sich künftig zwei Parteichefs die Führungsverantwortung teilen sollen. Im Vorfeld kursieren schon einige Namen.

Die Stellenbeschreibung ist wahrlich anspruchsvoll: Herz und Bauch der Wähler ansprechen – aber den Kopf nicht vergessen. Jung und unverbraucht sein. Zugleich erfahren genug, nicht in Fettnäpfchen zu treten. Radikal verändern, aber nicht verschrecken. Eine tief gesunkene Partei aus dem Dreck ziehen. Was die SPD von ihrer neuen Führung verlangt, scheint für eine Person zu viel. An diesem Montag wollen die Genossen entscheiden, ob sie künftig auf eine Doppelspitze setzen. Nach dem Motto „Doppelt hält besser“. Oder vielleicht eher „Geteiltes Leid ist halbes Leid“?

Doppelspitzen scheinen in Mode – in der Wirtschaft wie in der Politik. Doch ein Patentrezept sind sie nicht – auch wenn die Erfolge der Grünen aktuell anderes vermuten lassen. Da muss man nur auf die Deutsche Bank blicken, wo das Führungsduo Jürgen Fitschen und Anshu Jain den Umbruch bringen sollte, sich aber vorzeitig trennte. Was also macht den Erfolg aus?

Annalena Baerbock ist eine, die das wissen könnte. Im Duo mit Robert Habeck räumt die Grünen-Chefin gerade in den Umfragen ab. „Doppelspitze heißt für mich doppelt stark“, sagte Baerbock neulich der „Welt am Sonntag“ – fügte jedoch sofort eine Bedingung hinzu: Wenn man nicht untereinander wetteifere, „wer der Schönste und Beste im Raum ist“, sondern die doppelte Kraft für die Sache einsetze.

Auch Habeck ist sich sicher: Die Doppelspitze ist das Erfolgsgeheimnis seiner Partei. Baerbock und er haben sogar die Büros zusammengelegt. Mit Interviews und Talkshow-Auftritten wechseln sie sich ab. Parteikollegen loben Effizienz und Harmonie, auch bei inhaltlichen Differenzen. Derzeit scheint das Hauptproblem: Was tun, wenn man einen Kanzlerkandidaten braucht? Denn für eine Doppelspitze im Kanzleramt müsste das Grundgesetz geändert werden.

Auch AfD und Linke haben Doppelspitzen, eine Frage der Ideologie sind sie also nicht. Viel eher wohl der Versuch, konkurrierende Strömungen unter einen Hut zu bringen, eine größere Zielgruppe anzusprechen. Die Doppelspitze fördere, „dass gleich auf der Führungsebene auf Ausgleich und Vermittlung geachtet wird“, sagt Linken-Chefin Katja Kipping. „Besonders gut funktioniert das, wenn es den beiden in der Doppelspitze nicht nur um einen rein machttaktischen Ausgleich geht, sondern das Bestreben vorhanden ist, gemeinsam Neues zu entwickeln und zusammen Erkenntnisse zu gewinnen.“ Auch für das Privatleben sei sie gut: „Das erhöht die Chance, auch mal ein politikfreies Wochenende zu haben.“

Bei der SPD scheint nun alles auf ein Führungsduo hinauszulaufen. In einer parteiinternen Umfrage mit mehr als 23 000 Teilnehmern habe es Hinweise gegeben, „dass eine Doppelspitze eine gute Alternative ist“, sagt der kommissarische Parteichef Thorsten Schäfer-Gümbel. Und wer könnte es machen? Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann hält Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil für geeignet, oder Arbeitsminister Hubertus Heil. Beide haben Ambitionen bestritten – doch sollte der Beschluss für eine Doppelspitze fallen, könnten die Karten neu gemischt werden.

Immer wieder fällt auch der Name von Familienministerin Franziska Giffey. Zwar könnte die Plagiatsprüfung ihrer Doktorarbeit einen Strich durch diese Rechnung machen. Berlins SPD-Fraktionschef Raed Saleh meint aber, die 41-Jährige hätte das Zeug zur Parteivorsitzenden. „Franziska Giffey ist ein Talent“, sagt er. „Ihre Stärke ist, dass sie nicht ihren Kurs permanent wechselt, je nachdem wie es gerade im Mainstream passt, sondern sie hat eine Linie.“

Giffey scheint sich vorsichtig warmzulaufen. „Es ist extrem wichtig, dass im Vorsitz jemand ist, der Bauch und Herz erreicht“, sagte sie der „Süddeutschen Zeitung“. Genau dafür ist sie selbst bekannt. Zugleich spricht sich die Familienministerin indirekt für ein Führungsduo aus: „Wenn Sie eine schwere Aufgabe haben, arbeiten Sie doch lieber zusammen mit anderen Menschen, oder?“

Ein solcher Mensch könnte Weil sein. Der 60-jährige Ministerpräsident könnte mit seiner Erfahrung der Gegenpart zu Giffeys Unverbrauchtheit sein. Ein Mann aus den Bundesländern neben der Frau aus Berlin. Er ist in der Wirtschaftspolitik zu Hause, sie im Sozialen. Doch der Ruf nach Berlin, so hört man, müsste für Weil schon sehr laut sein. Eher zusagen würde womöglich Generalsekretär Lars Klingbeil. Der ist genauso jung wie Giffey, es wäre ein starkes Zeichen für einen SPD-Neuanfang.