Lehrerverband warnt vor Zehntausenden unbesetzten Lehrerstellen

Lehrerverband warnt vor Unterbesetzung : Zahlenspiele um Lehrerstellen

Der Lehrerverband warnt: Im neuen Schuljahr werden in Deutschland Zehntausende Pädagogen fehlen. Panikmache oder Realität?

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, ist kein Mann der leisen Worte. Wenn er warnt, dann richtig: Im neuen Schuljahr, das am Montag in den ersten Bundesländern beginnt, würden in Deutschland 55 000 Lehrer fehlen, sagt er im aktuellen „Focus“ voraus. 15 000 Stellen könnten die Schulen überhaupt nicht besetzen und rund 40 000 Stellen nur mit weniger qualifizierten Quereinsteigern oder Pensionären.

Auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur erklärt Meidinger, das seien zwar Schätzungen, aber im vergangenen Jahr habe man damit auch richtig gelegen. „Die Lage hat sich im Vergleich zu 2018 noch einmal verschärft.“ Betroffen vom Lehrermangel sind seinen Angaben zufolge vor allem Grund-, Haupt-, Berufs- und Förderschulen, weil Lehrer dort meist schlechter bezahlt würden als an Gymnasien und Gesamtschulen. Zudem sei der Osten stärker betroffen als der Westen.

Wie realistisch sind die düsteren Schätzungen? Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht es ähnlich wie der Lehrerverband. Zum neuen Schuljahr würden bundesweit mehrere Tausend Lehrer fehlen, heißt es von der GEW. Der Deutsche Philologenverband, der vor allem die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt, stimmt ebenfalls zu. An den Gymnasien gebe es vor allem einen Lehrermangel in den Fächern Mathe, Naturwissenschaften und Informatik, sagt die Vorsitzende Susanne Lin-Klitzing.

Nachfrage bei der Kultusministerkonferenz (KMK), dem ständigen Gremium der Bildungsminister der 16 Bundesländer: Der KMK-Vorsitzende, Hessens Bildungsminister Alexander Lorz (CDU), widerspricht dem Lehrerverband. Dessen Zahlen könne man so nicht verifizieren. „Es ist auch keineswegs so, dass in ganz Deutschland voll ausgebildete Lehrkräfte zu Tausenden fehlen.“ Viele Einstellungen fänden in den letzten Ferienwochen oder sogar erst in den ersten Schulwochen bis zu den Herbstferien statt. Und die Lage in den einzelnen Ländern sei nach wie vor sehr unterschiedlich.

Ein kurzer Blick in die Bundesländer bestätigt das: Berlin und Brandenburg, wo am Montag als erstes die Schule wieder losgeht, melden, dass alle freien Lehrerstellen besetzt werden konnten. Allerdings ging das nur mit vielen Quer- oder Seiteneinsteigern, die noch weiter ausgebildet werden müssen. Aus Schleswig-Holstein heißt es: „Pauschale Schwarzmalerei, wie von Lehrerverbandschef Meidinger, ist nicht angebracht.“ Kultusministerin Karin Prien (CDU) will kommende Woche ihren Ausblick für das neue Schuljahr vorlegen. „Ich gehe schon heute davon aus, dass wir Positives berichten können“, sagt sie der Deutschen Presse-Agentur.

„Viele Einstellungen finden auch noch zum Schuljahresstart oder in den ersten Schulwochen statt. Erst dann können wir Endgültiges sagen“, sagt die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD). In den vergangenen Jahren sei es mit wenigen Ausnahmen bei Förderschulen gelungen, immer alle Planstellen zu besetzen. „Aber natürlich sehen und spüren wir, dass es für bestimmte Lehrämter oder Fächer von Jahr zu Jahr schwieriger wird.“

Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) verspricht: „Wir werden auch im nächsten Jahr die Versorgung sicherstellen.“ Im Freistaat sollen demnach im neuen Schuljahr 4900 Lehrer neu eingestellt werden. Ob die Stellen alle besetzt werden können, muss sich allerdings noch zeigen. Lehrerpräsident Meidinger, der selbst ein Gymnasium im bayerischen Deggendorf leitet, sagt, der Lehrerarbeitsmarkt in Bayern sei praktisch leer gefegt.

Im Saarland tobt derzeit ein Koalitionsstreit um mehr Lehrerstellen. Finanzminister Peter Strobel und Ministerpräsident Tobias Hans (beide CDU) hatten zuletzt einen unter anderem von Ulrich Commerçon (SPD) geforderten Nachtragshaushalt abgelehnt (wir berichteten). Ein solcher sei laut Hans „nicht notwendig“. Man habe sich bereits auf die Wiederbesetzung von 100 Lehrerstellen geeinigt, die ursprünglich nicht vorgesehen gewesen seien.

Commerçon wollte mit dem Geld aus einem Nachtragshaushalt zusätzliche Lehrer einstellen. Zwar hieß es aus seinem Ministerium, dass für das kommende Schuljahr alle Stellen besetzt werden konnten. Es hätten jedoch 46 Lehrerstellen aus der Nachmittagsbetreuung der Freiwilligen Ganztagsschulen gestrichen werden müssen, um die Unterrichtsversorgung am Vormittag zu gewährleisten. Neben diesen 46 Stellen fehlten weitere 49 Stellen, um die im Koalitionsvertrag vereinbarten Ziele und Projekte umsetzen zu können, so das Ministerium.

Grundsätzlich gilt: Mit greifbaren Zahlen ist es so eine Sache. Bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg sind derzeit knapp 2700 offene Stellen für Lehrer an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland gemeldet. Allerdings sind dort Beamte nicht erfasst und unklar ist auch, ob von den Bundesländern alle freien Stellen nach Nürnberg gemeldet werden, da die Länder nicht unbedingt meldepflichtig sind, wie eine BA-Sprecherin sagt.

Also dramatisches Problem oder alles nur halb so schlimm mit dem Lehrermangel? Die Wahrheit liegt wohl wie immer irgendwo dazwischen. KMK-Präsident Lorz sagt, es mangele keineswegs an der Attraktivität des Lehrerberufs. Der Bildungsbereich ist seiner Ansicht nach genauso vom Fachkräftemangel betroffen wie so viele andere Berufszweige. Dazu steigt nach Angaben der KMK wegen höherer Geburtenzahlen und der Zuwanderung deutschlandweit der Bedarf an Lehrern. Modellrechnungen der Bildungsminister der Länder machen aber Hoffnung: Nach einem jahrelangen Unterangebot ausgebildeter Lehrer wird es demnach von 2023 an wieder mehr Absolventen geben als zu besetzende Stellen.

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