Kommentar zu funktionellen Analphabeten in Deutschland: Es sind immer noch zu viele

Kommentar : Es sind immer noch zu viele

Gewiss, seit 2010 ist die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können, um satte 1,3 Millionen gesunken. Und Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU), seit ihrer Ernennung 2018 kaum je in Erscheinung getreten, darf einen Erfolg verkünden – den sie sich allerdings nicht einmal selbst an die Brust heften kann, da die Weichen dafür vor ihrer Ministerzeit gestellt wurden.

Die Anzahl von 6,2 Millionen „gering literalisierten Erwachsenen“ mag zunächst nicht gewaltig erscheinen. Doch sind 12,1 Prozent angesichts einer immer komplexer werdenden Welt mit rapide fortschreitender Technisierung und Digitalisierung im gelebten Alltag immer noch bei weitem zu viel. Menschen mit hochgradiger Lese- und Schreibschwäche drohen heute weit schneller und nachhaltiger zurückzufallen als noch vor zehn Jahren. Dabei gelingt es vielen, Verpasstes später doch noch nachzuholen. Deshalb sollte sich nicht nur die Politik, sondern die ganze Gesellschaft angesprochen fühlen, die Betroffenen aus der Schamecke herauszuholen, sie zu ermutigen statt zu stigmatisieren. Denn mit der Fähigkeit, Texte lesen und verstehen zu können, steigt auch die soziale und ökonomische Teilhabe. Und das hilft allen.