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Kölner Missbrauchsgutachten zieht Kreise ins Bistum Trier

Vorwürfe gegen Priester : Das Kölner Missbrauchsgutachten zieht Kreise ins Bistum Trier

Ein Priester, der in Köln Kinder und Jugendliche missbraucht haben soll, lebt seit langem im Bistum Trier. Erst jetzt wird das ganze Ausmaß der Vorwürfe publik.

Das über 900 Seiten umfassende Missbrauchsgutachten für das Erzbistum Köln enthält etliche Seiten, die auch von den Verantwortlichen im Bistum Trier mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen werden dürften. Auf Seite 405 geht es im sogenannten Aktenvorgang 10 nämlich um die sexuellen Entgleisungen eines Priesters, der mittlerweile schon seit über zehn Jahren im Bistum Trier lebt. Allerdings darf er keine Gottesdienste mehr feiern und auch keine Sakramente mehr spenden.

Damals hatte auch unsere Zeitung über Vorwürfe gegen den seit 2010 in der Eifel lebenden Kölner Ruhestandsgeistlichen berichtet. Dessen unrühmliche Vorgeschichte fiel seinerzeit auf, weil dem Priester eine Pfarrverwaltung übertragen werden sollte. Daraufhin kontaktierte Trier das Erzbistum Köln. Als man dort in die Personalakten schaute, sei aufgefallen, dass es „aufgrund von Vorfällen aus den 1970er Jahren“ Auflagen für den Geistlichen gebe, sagte damals eine Sprecherin des Bistums. Weitere Recherchen hätten ergeben, dass sich der Priester vermutlich nicht an die Auflage gehalten habe, keine Angebote für Kinder und Jugendliche zu machen. Die Planungen mit der Pfarrverwaltung hatten sich damit erledigt. Der Kölner Kardinal Woelki entschuldigte sich später sogar ausdrücklich bei Bischof Stephan Ackermann, weil man versäumt habe, Trier über die Missbrauchsvorwürfe zu informieren.

Details zu den Übergriffen des Priesters und den Versäumnissen seiner Vorgesetzten finden sich in dem am Donnerstag veröffentlichten Missbrauchsgutachten auf 18 Seiten. Dabei wird erwähnt, dass es in diesem Fall „ einer Information des Bistum Trier bedurft“ hätte, „die jedoch nicht vorgenommen“ worden sei.

Die Liste der Vorwürfe gegen den nicht namentlich genannten Priester ist lang. Es werden fünf Verdachtsfälle – wie die Missbrauchstaten in den Akten genannt werden – aufgelistet. Demnach wurde 1984 ein erster Vermerk über den Priester gemacht, weil er „offenbar eine Neigung zur Homo-Erotik“ habe, wie ein anderer Pfarrer berichtete, und bei einer Freizeit einen „Jungen mit auf seinem Zimmer schlafen“ lasse. Der Junge habe anschließend gesagt, dass der Geistliche „sich ihm unziemlich genähert habe“.

In einem anderen Verdachtsfall ist davon die Rede, dass der Priester regelmäßig Jugendliche in die Sauna seines Privathauses einlade. Ein anderer Verdachtsfall schildert, wie der Geistliche zwei 13-jährige Mädchen unter der Dusche fotografiert haben soll – „nur zum Spaß“, wie er anschließend gesagt habe.

Im fünften Fall schildert eine inzwischen erwachsene Frau, wie sie in den 70er Jahren als Jugendliche von dem Priester missbraucht wurde. „Er sagt, er sei ein erfahrener Mann und dass es für mich bestimmt schön wäre, von ihm entjungfert zu werden“, wird das Opfer in dem Missbrauchsgutachten wörtlich zitiert.

Auch über die Reaktionen der Verantwortlichen wird berichtet. So wird dem Priester in einem Fall aufgetragen, in seinen privaten Räumen keine Seelsorge- und Beichtgespräche mehr mit Kindern zu führen; in einer anderen Notiz heißt es, er solle sich „jeglichem privaten Kontakt zu Kindern und Jugendlichen enthalten“.

Irgendwann wurde es offensichtlich auch dem Kölner Generalvikariat zu viel. Der Beschuldigte, wie es im Gutachten heißt, wurde „von allen Aufgaben entpflichtet und beurlaubt“. Nach einer Begutachtung durch Experten wurde der Priester aber wieder als sogenannter Subsidiar eingesetzt, bis er Ende 2010 seinen Wohnsitz ins Bistum Trier verlegte. Hier war er noch bis 2018 „in der Kinder- und Jugendarbeit aktiv“. Man habe schlichtweg versäumt, „das Bistum über die vergangenen Vorwürfe in Kenntnis zu setzen“.

Darüber, dass es in der „Trierer Zeit“ möglicherweise zu weiteren Vorfällen kam, ist nichts bekannt. Zu den seinerzeit mit den Anschuldigungen gegen den Priester befassten Verantwortlichen in Köln zählt der nun von seinen Aufgaben entbundene Weihbischof Dominikus Schwaderlapp. Auch den bereits verstorbenen Woelki-Vorgängern Joachim Meisner und Joseph Höffner werfen die Gutachter Pflichtverletzungen vor. Ein vierter Geistlicher bot am Donnerstagabend seinen Rücktritt an: Der frühere Kölner Personalchef und heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße soll es damals in einem Fall unterlassen haben, die Staatsanwaltschaft über die Vorwürfe zu informieren.