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Kita-Öffnungen nach Corona: Die Kleinsten müssen weiter warten

Kita-Öffnung : Die Kleinsten müssen weiter warten

Der wenig konkrete Kita-Beschluss der Bund-Länder-Runde erregt Kritik. Die Wirtschaft sei wichtiger als die Kinderrechte, lautet ein Vorwurf.

Geschäfte öffnen wieder, Restaurants und Biergärten demnächst genauso. Selbst für die Bundesliga gibt es jetzt einen klaren Fahrplan. Bei den Kitas dagegen fehlt es weiter an verlässlichen Perspektiven. Die Kritik daran ist groß.

Der am Mittwoch gefasste Beschluss von Bund und Ländern zur Eindämmung der Corona-Krise ist sechs Seiten lang. Lediglich sechs Zeilen darin sind der „Kinderbetreuung“ gewidmet. Der Tenor: Wann, wie und in welchem Tempo Kindertagesstätten wieder in den Vollbetrieb gehen, klärt jedes Bundesland für sich. Zugleich wird an einen früheren Beschluss der Jugendministerkonferenz erinnert, der ein vierstufiges Vorgehen, indes auch kein konkretes Zieldatum enthält. Sicher ist laut der Vorlage vom Mittwoch nur, dass „eine flexible und stufenweise Erweiterung der Notbetreuung spätestens ab dem 11. Mai in allen Bundesländern“ eingeführt wird und „bis zu den Sommerferien jedes Kind am Übergang zur Schule (…) noch einmal die Kita besuchen kann“.

Die Familienexpertin der Grünen, Ekin Deligöz, hält die Vorgabe für völlig unzureichend. „Nach dem Beschluss soll der Kita-Besuch eigentlich nur für die Kinder gewährleistet werden, die in der Vorschulklasse sind. Das ist aber lediglich eine kleine Gruppe“, sagte Deligöz der SZ. Die Ein- bis Fünfjährigen seien außen vor. Kinder bräuchten aber soziale Kontakte. „Deshalb wäre eine Lösung analog zu den Schulen sinnvoll gewesen, die stunden- oder tageweise eine Beschulung für alle Schüler bis zu den Sommerferien ermöglichen sollen.“

Der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, hält die bisherigen Prioritäten bei der Öffnungspolitik grundsätzlich für falsch. „Der Gewerbefreiheit wird dabei sehr viel mehr Bedeutung zugemessen als den Kinderrechten in Deutschland“, kritisierte er gegenüber unserer Redaktion. Der aktuelle Beschluss zu den Kitas sei zwar prinzipiell richtig. „Nur gibt es keine Garantie für die Umsetzung, weil jedes Land in Eigenregie entscheiden kann. Auch in Abweichung der Beschlüsse der Jugendminister“, erklärte Hilgers. Dabei sei deren Vier-Stufen-Plan der erste seiner Art gewesen, der die Interessen der Kinder in den Vordergrund gerückt habe.

Nach den Vorstellungen der Jugendminister sollen die Kitas im Anschluss an die aktuell praktizierte Notbetreuung drei weitere Phasen durchlaufen: eine erweiterte Notbetreuung, einen eingeschränkten Regelbetrieb und schließlich die Rückkehr zum Normalbetrieb. Bis dahin sollen nicht nur angehende Schulkinder „vordringlich“ betreut werden, sondern auch Kinder in schwierigen Familienverhältnissen, in beengten Wohnungen und mit einem besonderen Sprachförderbedarf.

Auf den Vier-Stufen-Plan hatte vor dem Bund-Länder-Gipfel auch Saar-Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) verwiesen. Das Saarland befinde sich nun in der zweiten Phase, die Notbetreuung solle ausgeweitet werden (siehe Text unten).

Experten sorgen sich unterdessen um die Folgen der langen Kita- und Schulschließungen. Kinderschutzbund-Präsident Hilgers verwies auf Untersuchungen, nach denen den Jugendämtern in der Corona-Krise deutlich weniger Kindeswohlgefährdungen gemeldet würden. „Das kann auch nicht verwundern. Denn wenn Kitas und Schulen geschlossen sind und in den Kinderarztpraxen kaum Vorsorgeuntersuchungen stattfinden, fallen auch zentrale Kontrollmechanismen aus.“ Insofern sei der Melderückgang sehr alarmierend. „Umso höher dürfte die Dunkelziffer liegen. In vielen Jugendämtern wird deshalb auch von der Ruhe vor dem Sturm gesprochen“, warnte Hilgers. In einer aktuellen Umfrage des WDR und der Süddeutschen Zeitung gaben 43 Prozent von bundesweit mehr als 230 kontaktierten Jugendämtern an, dass die Anzahl der Kinderschutzmeldungen in den ersten vier Wochen nach Beginn des Kontaktverbotes rückläufig oder stark rückläufig gewesen sei.

Nach einer weiteren Umfrage – dem ARD-„Deutschlandtrend“ von Donnerstag – sorgen sich fast zwei Drittel der Deutschen, 63 Prozent, wegen der coronabedingten Schul- und Kitaschließungen um die Entwicklung der Kinder.

Bislang haben sich nur wenige Bundesländer auf weitergehende Öffnungspläne für ihre Kitas festgelegt. Niedersachsen etwa stellte den 1. August als Starttermin für den Regelbetrieb in Aussicht. Am Donnerstag kündigte Hessen an, Kitas vom 2. Juni an im eingeschränkten Regelbetrieb für alle Kinder zu öffnen.