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KBV-Chef Andreas Gassen: „Lockdown ist in seiner Zumutbarkeit endlich"

Interview mit dem Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen : „Der Lockdown ist in seiner Wirksamkeit und Zumutbarkeit endlich“

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, hält schnelle Lockerungsschritte für unbedingt geboten und fordert die Menschen auf, den Astrazeneca-Impfstoff zu nutzen. Die Zusage der Bundesregierung, bis zum Sommer jedem Bundesbürger ein Impfangebot zu machen, sei realistisch und haltbar.

Herr Gassen, können wir angesichts der raschen Ausbreitung der Virus-Mutationen den Lockdown schon in wenigen Wochen beenden?

Gassen Der Lockdown hat gewirkt, aber er ist eben auch kein Allheilmittel. Auch nach vier Monaten Lockdown – übrigens einer der härtesten Lockdowns europaweit – sehen wir, dass die Infektionszahlen nach kontinuierlichem langsamen Absinken aktuell stagnieren, aber nicht weiter sinken. Das zeigt auch deutlich, dass die Vertreter der No-Covid-Strategie falsch liegen. Wir sind eben kein dünn besiedeltes Land wie Neuseeland. Auch mit einem wirksamen Lockdown wird das Virus bei uns nicht völlig verschwinden. Bisher ist es nur einmal gelungen ein Virus auszurotten- das waren die Pocken und das gelang mit einer Impfung über viele Jahrzehnte. Der Lockdown ist in seiner Wirksamkeit und Zumutbarkeit endlich. Wir werden also einen Weg finden müssen, mit dem Virus zu leben. Die Beschleunigung der Impfungen ist der einzige Weg raus aus der Pandemie. Künftig wird es wahrscheinlich jährliche Corona-Impfungen geben müssen – ähnlich wie auch gegen Influenza oder Hepatits.

Aber die Mutationen verbreiten sich doch gerade rasend schnell. Die Stadt Flensburg musste gerade eine Ausgangssperre verhängen.

Gassen Wir müssen die Mutationen natürlich im Auge behalten. Dass sie auftauchen, ist aber nicht überraschend. Das ist bei Viren, gerade auch bei Coronaviren eher die Regel als die Ausnahme und hat ja die Virologen auch nicht überrascht. Aber die mutierten Viren erscheinen momentan zwar ansteckender, aber nicht tödlicher als die Ursprungsvariante – und die Impfstoffe wirken auch gegen die Mutationen, insbesondere gegen die hier mittlerweile häufige „britische“ Form.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Krisenmanagement von Bund und Ländern?

Gassen Wenn Sie meine Patienten fragen, sind viele unzufrieden mit der Politik. Viele Unternehmer, vom Cafébetreiber bis zum Einzelhändler, warten seit Wochen auf die Wirtschaftshilfen. Ein zunehmender Teil der Bevölkerung merkt die wirtschaftlichen Folgen jetzt sehr deutlich. Die Selbstständigen und ihre Angestellten haben reale Existenzängste. Die Impfstoffbestellung durch die EU ist bekanntermaßen nicht gut gelaufen. Aber jetzt kommen die Impfstoffe endlich auch in größerer Menge. In wenigen Wochen werden wir ausreichend Impfstoffmengen zur Verfügung haben, um auch in die breite Fläche, also in die Arztpraxen, zu gehen.

Bedeutet das auch, dass wir in vier bis sechs Wochen, also unmittelbar vor Ostern, zu Öffnungen des Einzelhandels und vielleicht sogar des Tourismus kommen können?

Gassen Die Durchimpfung der Bevölkerung werden wir bis Ostern nicht schaffen. Die „Inzidenzwerte“ sind auch regional sehr unterschiedlich: Wir haben Regionen, die deutlich unter 20 liegen und solche, die noch über 300 liegen. Dass man eine Region mit hohen Inzidenzwerten anders behandeln muss als die mit niedrigen Werten, liegt auf der Hand. Deswegen kann man nicht einfach pauschal sagen, dass es überall keine Restaurantöffnungen oder keinen Osterurlaub geben darf. Es kommt auf die regionalen Besonderheiten an. Mit den Schnelltests können wir über die Lage vor Ort auch mehr Kontrolle bekommen. Das ist ein weiterer Mosaikstein, wie man sich an mehr Normalität herantasten kann.

Wie lange ist der Lockdown noch durchzuhalten?

Gassen Bund und Länder sollten aus meiner Sicht so bald wie vertretbar Lockerungsschritte beschließen. Ich habe heute eine skurrile Nachricht gehört: Im Radio hieß es es gäbe keine rechtlichen Gründe für Lockerungen. Grundsätzlich muss es wohl eher zwingende rechtliche Gründe für Beschränkungen der Grundrechte geben. Der Eindruck, dass da etwas grundsätzlich schief läuft, vertieft sich auch gerade in der Bevölkerung. Man wird nicht mehr lange damit durchkommen zu sagen, wir lockern erst, wenn die Inzidenz bundesweit bei 50, 35 oder zehn liegt. Weil mittlerweile kaum einer mehr glaubt, dass zum Beispiel ein Wert unter zehn bundesweit erreichbar ist. Es reicht nicht aus, wie es einige machen, jeden Tag einen noch härteren Lockdown zu fordern. Denn so viel mehr wie bislang kann man gar nicht mehr machen. So langsam liegen nicht nur die Nerven der Menschen blank. Auch die Wirtschaft liegt langsam am Boden. Die Antwort auf die Mutationen kann nicht sein: Jetzt noch vier oder sechs Monate Lockdown. Irgendetwas muss man jetzt mal anders machen.

Wie sieht Ihre Öffnungsstrategie denn konkret aus? Müssen zum Inzidenzwert andere Kriterien für Lockerungen hinzu kommen?

Gassen Zum Inzidenzwert, der ja kein echter Inzidenzwert ist, müssen auf jeden Fall andere Kriterien hinzukommen, etwa die Auslastung der Intensivbetten und die Impfquoten, Infektionen je Altersgruppen. Professor Streeck hat vorgeschlagen, einfach mal auszuprobieren, was passiert, wenn wir probeweise die Restaurants öffnen, um Hygienemaßnahmen auch mal auf den Prüfstand stellen zu können Erste Studien aus dem Ausland zeigen, dass der Haupt-Infektionsherd nie die Gastronomie war und auch nicht die Frisöre. Die riskanteren Orte waren private Zusammenkünfte und zum Beispiel das Einkaufen im Supermarkt. Aber auch das können Sie ja nicht abstellen. Insofern muss man mit einem gewissen Risiko leben und versuchen, es durch Impfungen, Schnelltests, FFP2-Masken wo sinnvoll und AHA-Regeln zu minimieren.

Können wir spätestens zu Ostern die Außengastronomie öffnen, wie es sich der Wirtschaftsminister wünscht?

Gassen Der Aufenthalt draußen war nie das Problem. Sie werden sich wohl auch schwer tun, sich draußen mit der ansteckenderen britischen Virusvariante zu infizieren wenn Sie Abstand halten. Es spricht also viel dafür die Außengastronomie zu öffnen. Wenn sich die Politik dazu entschließt, brauchen wir nur noch auf gutes Wetter an Ostern zu hoffen.

Wie ist die Skepsis gegenüber dem Astrazeneca-Impfstoff zu bewerten?

Gassen Wir können uns freuen, dass wir überhaupt so schnell Impfstoffe haben. Der Astrazeneca-Impfstoff ist von der Handhabbarkeit her günstiger, weil er leichter zu transportieren und zu lagern ist. Sie können ihn in den Arztpraxen unproblematisch verimpfen. Er ist hochwirksam, wirksamer als jeder Grippe-Impfstoff. Ja, es gibt bei Astrazeneca mitunter Nebenwirkungen wie Fieber. Aber das ist ja durchaus zu erwarten, wenn überwiegend Jüngere geimpft werden, die eine stärkere Immunantwort haben. Ob er wirklich deutlich weniger wirksam ist als Biontech oder Moderna, wissen wir erst, wenn große Zahlen und Studien vorliegen. Aber was ist die Alternative? Wenn ich mich nicht impfen lasse, habe ich gar keinen Schutz. Das ist doch keine sinnvolle Alternative. Mir fehlt jedes Verständnis dafür zu sagen, mit Astrazeneca will ich mich nicht impfen lassen. Dann muss man sagen: Wer nicht will, der hat schon. In Mangelzeiten ist diese Diskussion absurd.

Müsste man die Impfreihenfolge lockern und den Astrazeneca-Impfstoff dann an andere verimpfen, die ihn wollen?

Gassen Zunächst muss ärztliches und medizinisches Personal in der Fläche durchgeimpft werden. Auch und gerade in den Arztpraxen. Aber Sie haben Recht: Wenn ein Impfangebot an jemand ergeht und das wird abgelehnt, muss derjenige sich wieder ganz hinten anstellen und es kommen zuerst andere dran.

Was müssen Bund und Länder darüber hinaus am 3. März beschließen?

Gassen Je mehr Menschen geimpft werden, desto schneller können wir auf Einschränkungen verzichten. Deshalb können wir uns nicht leisten, dass es Engpässe bei der Impfkapazität gibt – deshalb müssen die Praxen perspektivisch den Großteil der Impfungen übernehmen. Die Hersteller sind dabei, die Impfstoffe an Mutationen anzupassen. Möglicherweise brauchen wir in einem halben bis Dreivierteljahr noch einmal eine neue Impfkampagne mit an Mutationen angepassten Impfstoffen. Die Impfungen werden das Beherrschen der Pandemie möglich machen. Und dann werden die Corona-Beschränkungen Schnee bald von gestern sein.

Wann denn? Kann Corona schon Schnee von gestern in der zweiten Jahreshälfte sein?

Gassen Wenn die Impfstoffzusagen eingelöst werden, sind wir zuversichtlich, dass alle Bürger bis zum Sommer ein Impfangebot erhalten haben. Diese Zusage der Bundesregierung ist nach unseren Berechnungen haltbar, wenn die Impfstofflieferungen wie zugesagt kommen. Der Großteil der Schutzmaßnahmen wird also dann zurückgenommen werden können. In der zweiten Jahreshälfte wird mit etwas Glück wieder das normale Leben möglich sein.