Is mir egal - wie sozial sind Großstadtkids? Studie zu Schülern

Studie der Uni Bielefeld : Wie (a)sozial sind Schüler?

Eine Studie zeigt mangelnden Gemeinschaftssinn junger Menschen. Was die Forscher besorgt, ist auch im Saarland ein Thema.

Am Ende eines Schulhofstreits in Berlin fließt Blut: Ein Achtjähriger hat seinem gleichaltrigen Freund das Gesicht zerkratzt. Noch zwei Wochen später sagt er: „Tut mir überhaupt nicht leid.“ Wird die nächste Generation rücksichtloser? Wissenschaftler der Universität Bielefeld haben sich in Berlin, Köln und Leipzig bei rund 1000 Großstadtkids und ihren Eltern umgehört. Ein Fünftel der Kinder und ein Drittel der Teenager zeigt danach wenig Gemeinschaftssinn, vor allem die Jungs, heißt es in der Untersuchung, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Ist das neu?

Harte Sprüche und manchmal Prügel. „Der ganze Schulhof funktioniert so“, seufzt ein Schülerhelfer in Berlin-Neukölln. Und es gibt immer wieder extreme Fälle, auch im Saarland. Nicht nur der Fall der Saarbrücker Gemeinschaftsschule Bruchwiese erinnert daran, bei dem es in einem Brandbrief des Kollegiums im Dezember 2017 nicht nur um Aggressivität gegen Lehrer, sondern auch gegen Mitschüler ging. Um Prügeleien und Verletzte auf dem Schulhof.

Trotzdem hofft der Schülerhelfer in Neukölln, dass sein kratzender Schützling ein Extrembeispiel bleibt. Die beruhigende Antwort der Studienautoren lautet: Ja, ist es. Denn nach der neuen Großstadt-Studie im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung tickt die große Mehrheit (70 bis 80 Prozent) der befragten 6- bis 11-jährigen Kinder und 12- bis 16-jährigen Jugendlichen sozial. Mädchen zeigten sich dabei allerdings durch die Bank doppelt so häufig empathisch und solidarisch wie Jungen.

Befragt wurden 1000 Kinder und Teenager zu den Bereichen Empathie, Solidarität, Gleichgültigkeit und Abwertung. Aussagen wie „Es macht mich traurig, wenn es anderen Kindern schlecht geht“ wurden dabei oft verneint, Sätze wie „Wenn ein anderes Kind Probleme in der Schule hat, ist es meistens selber schuld“, „Man kann Deutschen eher vertrauen als Ausländern“ oder „Hartz-IV-Empfänger sind deshalb arm, weil sie nicht arbeiten wollen“ fanden viel Zustimmung.

Für Studienautor Holger Ziegler ergeben die vier abgefragten Felder einen Hinweis auf Gemeinschaftssinn. Er sieht ihn als moralischen Kitt für eine Gesellschaft. Die Ergebnisse, die er nur für deutsche Großstädte als repräsentativ wertet, stimmen ihn nachdenklich. Denn jedem vierten Jungen – und nur jedem achten Mädchen – waren Probleme anderer Menschen egal. Noch mehr Sorgen machen Ziegler Tendenzen, andere Gruppen und Schwächere abzuwerten. Dazu neigten laut Studie 36 Prozent der Jungen und 22 Prozent der Mädchen.

„Ob diese Abwertung zu- oder abnimmt, können wir nicht sagen, weil es zu wenig Vergleichsdaten gibt“, sagt Ziegler. Ihn bewegt etwas anderes. „Die Abwertung von Ausländern, Arbeitslosen, Schwulen, Behinderten oder Obdachlosen ist auch dort verbreitet, wo wir sie nicht unbedingt vermuten: bei einem guten Fünftel der liberal-urbanen Mittelschicht“, berichtet er. „Und das schwappt sehr stabil von Eltern auf Kinder über. Besonders auf die Jungs.“ Da sich ohnehin nur Mittelschichts-Familien bereiterklärten, für die Studie zu Hause Fragen zu beantworten, könnte dieses Bild sogar noch zu rosa gefärbt sein, schätzt der Wissenschaftler. „Wir hatten bei den Eltern zum Beispiel keine AfD-Wähler dabei.“

Jugendforscher Klaus Hurrelmann, Mitautor der renommierten Shell-Jugendstudien, überraschen oder sorgen die neuen Ergebnisse nicht. „Die Shell-Studien zeigen regelmäßig, dass es eine 80 zu 20 Trennung in der Gesellschaft gibt“, sagt er. Deutlicher als bei Jugendlichen gebe es aber bei Erwachsenen zunehmende Belege für weniger Gemeinschaftssinn, „weil sie ihr soziales Sicherheitsgefühl beeinträchtigt sehen“.

Forscher Ziegler ist nach Auswertung der Studie besorgt. Der große Unterschied beim Gemeinschaftssinn von Jungen und Mädchen ist für ihn ein Zeichen dafür, dass die Geschlechterfrage beim Wunschbild für demokratische Tugenden noch nicht geklärt sei. Ein Problem seien klassisch-egozentrische Männlichkeitsbilder, die er auch in der befragten liberalen städtischen Mittelschicht weit verbreitet sieht. Und, auch dort, „einen Hang zu Ressentiments“.

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