Interview : „Es wird zu wenig und an den falschen Stellen gebaut“

Der Geschäftsführer des Deutschen Mieterbunds beklagt steigenden Druck auf die Mieter

Herr Ropertz, obwohl Wohnraum vielerorts Mangelware ist, bricht die Zahl der Baugenehmigungen ein. Klingeln da bei Ihnen nicht alle Alarmglocken?

ROPERTZ Ja, das ist eine schlechte Nachricht. Im Jahr 2016 war die Zahl der Baugenehmigungen noch um 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Nun haben wir eine Trendwende. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass der Rückgang vorrangig dem Bereich der Ein- und Zweifamilienhäuser geschuldet ist. Bei den Mehrfamilienhäusern und damit in erster Linie bei Mietwohnungen gab es aktuell nochmals eine Steigerung um 1,8 Prozent.

Das ist aber auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

ROPERTZ Von den erforderlichen Fertigstellungszahlen waren wir auch in den letzten Jahren weit entfernt. Nicht nur unsere Organisation, sondern praktisch die gesamte Immobilienwirtschaft und auch das Bundesbauministerium beziffern den jährlichen Bedarf auf etwa 400 000 Neubauwohnungen. 2016 waren es 277 000 Wohnungen und im Jahr davor nur 247 000. Die aktuellen Zahlen bei den Baugenehmigungen signalisieren uns nun, dass die Zahl der Fertigstellungen auch 2017 und 2018 weit hinter der Zielmarke zurückbleibt.

Das heißt, der Druck auf die Wohnungsmärkte und damit auch auf die Mieten nimmt weiter zu?

ROPERTZ Der Druck verstärkt sich primär in den Großstädten. Dort ist übrigens auch der Bau von Einfamilienhäusern zu vernachlässigen. Die Wohnungsmärkte in den Metropolen werden dadurch ohnehin nicht entlastet. Dreh- und Angelpunkt bleibt hier der Geschosswohnungsbau. Die sinkenden Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser haben übrigens auch damit zu tun, dass weniger in den ländlichen Gebieten gebaut wird, weil es die Menschen verstärkt in die Städte zieht.

Nach einer aktuellen Studie wird aber immer noch häufig am Wohnbedarf vorbei gebaut. Teilen Sie diese Einschätzung?

ROPERTZ Die Einschätzung ist insofern richtig, als uns tolle Baugenehmigungs-Zahlen in den ländlichen Regionen kaum etwas nützen, denn die Wohnungsmärkte sind dort in aller Regel entspannt. In Deutschland wird leider nicht nur zu wenig, sondern auch noch an den falschen Stellen gebaut.

Was muss sich aus Sicht das Mieterbundes ändern?

ROPERTZ Das Nadelöhr für den Wohnungsbau ist der Mangel an Bauland insbesondere in den Städten. Deshalb werden Nachverdichtungen und Geschoss-Aufstockungen immer wichtiger. Ohne neue Baugebiete in und um die großen Kommunen wird es allerdings auch nicht gehen.

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Müssten nicht auch die Bauvorschriften etwa bei der Wärmedämmung gelockert werden, um neue Wohnungen schneller und billiger errichten zu können?

ROPERTZ Klar ist, dass höhere energetische Standards auch auf die Baukosten durchschlagen. Wir gehen davon aus, dass sich Neubauten dadurch um fünf bis sechs Prozent verteuern. Es ist aber ein Trugschluss zu glauben, dass die Baukosten die Kosten bestimmen, zu denen die Immobilie verkauft oder vermietet wird. Das gleiche Haus in München kostet ein Mehrfaches von dem, was ein Investor damit im bayerischen Wald erlösen könnte, obwohl die energetischen Standards identisch sind. Entscheidend sind hier schlicht Angebot und Nachfrage. Allerdings fordern wir schon lange, die Mieterhöhungs-Spielräume bei der Modernisierungsumlage im Wohnungsbestand deutlich zu reduzieren. Das würde viele Mieter spürbar entlasten.

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