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Interview mit Peter Bofinger: Staat könnte zweiten Lockdown abfedern

Interview Peter Bofinger : „Staat könnte zweiten Lockdown abfedern“

Der ehemalige Wirtschaftsweise lobt die Maßnahmen der Bundesregierung in der Corona-Krise.

Die Angst vor einem zweiten Lockdown ist in Deutschland weiter gewachsen. Der Würzburger Ökonomie-Professor und ehemalige Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält ihn unter bestimmten Voraussetzungen für verkraftbar.

Herr Bofinger, was würde ein neuer Lockdown für die deutsche Wirtschaft bedeuten?

BOFINGER Der erste Lockdown, bei dem kaum noch Geschäfte offen waren und das gesellschaftliche Leben praktisch erlahmte, hat im zweiten Quartal 2020 zu einem wirtschaftlichen Einbruch um zehn Prozent geführt. Bei einem erneuten flächendeckenden Lockdown könnte die Wirtschaft wieder auf das Niveau des zweiten Quartals zurückfallen. Im Jahresdurchschnitt würde die Wirtschaft dann um 7,7 Prozent schrumpfen, deutlich mehr als die bisherige Prognose von 5,7 Prozent.

Mit welcher Konsequenz?

BOFINGER Der stationäre Einzelhandel, die Gastronomie und der Veranstaltungssektor kämen in die gleiche Situation wie im Frühjahr. Das wäre ein schwerer Schlag. Trotzdem kann die Wirtschaftspolitik dafür sorgen, dass diese Entwicklung, soweit es geht, aufgefangen wird.

Und wie?

BOFINGER Das wichtigste Instrument ist das verbesserte Kurzarbeitergeld. Es entlastet die Unternehmen, und die Beschäftigten haben vergleichsweise geringe Einkommensverluste. Damit wird die Nachfrage insgesamt stabilisiert. Hilfreich wäre eine pauschale Verlängerung des Arbeitslosengeldes I um ein halbes Jahr. Wer jetzt seine Arbeit verliert, findet sehr schwer eine neue. Solange Corona nicht im Griff ist, dürfen diese Menschen nicht gleich in Hartz IV fallen.

Aber das Geld muss auch erwirtschaftet werden.

BOFINGER Das Kurzarbeitergeld sorgt ja dafür, dass die Nachfrage nicht völlig kollabiert und dass dort, wo es möglich ist, weiterhin Güter und Dienstleistungen erwirtschaftet werden können. Und die Pandemie wird nicht ewig dauern.

Und was ist mit der Verschuldung, die jetzt in ungeahnte Höhen steigt?

BOFINGER Obwohl der deutsche Staat seine Schulden deutlich erhöht hat, steht er gemessen an der Wirtschaftsleistung immer noch relativ gut da. Der Wert wird bei etwa 70 Prozent liegen. Das liegt immer noch weit unter den Werten anderer großer Industriestaaten vor dem Ausbruch der Pandemie. Selbst wenn Deutschland durch einen zweiten Lockdown auf eine Schuldenquote von 80 Prozent käme, wäre das eine Größenordnung, vor der wir schon mal vor rund zehn Jahren, also nach der Finanzkrise gestanden hatten.

Das klingt alles sehr optimistisch.

BOFINGER Nein, denn der Staat wird nicht alle Unternehmen und Selbstständigen retten können. Die gute Nachricht ist, dass er aber finanziell in der Lage ist, auch einen möglichen zweiten Lockdown abzufedern, dass die Wirtschaft nicht kollabiert und nach der Pandemie wieder voll durchstarten kann.

Viele Unternehmen sehen sich schon jetzt bedroht. Bahnt sich da nicht eine große Insolvenzwelle an?

BOFINGER Sicher besteht diese Gefahr. Aber auch hier handelt die Regierung, indem sie die Betriebskostenzuschüsse erhöht und verlängert. Bei den Soloselbstständigen wird man noch nachsteuern müssen, um ihnen über einen potenziell zweiten Lockdown hinwegzuhelfen. Aber insgesamt hat die Regierung mit ihren Maßnahmen bislang rechtzeitig und richtig dosiert reagiert.