1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Inland

Interview mit dem Kieler Klimaforscher Mojib Latif: „Die Regierung muss bei ihren Klimaplänen nachsteuern“

Interview Mojib Latif : „Die Regierung muss bei ihren Klimaplänen nachsteuern“

Der Kieler Meteorologe und Klimaforscher Mojib Latif legt im SZ-Gespräch dar, warum er die am Mittwoch vom Bundeskabinett beschlossenen Vorhaben zur Reduzierung der Triebhausgase für völlig unzureichend hält.

Herr Latif, Umweltaktivisten lassen kein gutes Haar an den Klimabeschlüssen der Bundesregierung. Sie auch nicht?

LATIF Es sind ja nicht nur Umweltschützer, die dagegen Front machen. Auch Politiker aus den Regierungsparteien wie zum Beispiel der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil von der SPD sind mit den Beschlüssen hörbar unzufrieden. Dem kann ich mich im Grundsatz nur anschließen.

Deutschland hat sich verpflichtet, seinen CO2-Ausstoß bis 2030 mehr als zu halbieren. Kann das gelingen?

LATIF 55 Prozent weniger CO2 im Vergleich zum Jahr 1990 sind mit dem Klimapaket der Bundesregierung sicher nicht zu schaffen. Da wird man unbedingt nachsteuern müssen.

Wo genau?

LATIF Da denke ich vor allem an den Energiebereich. Die erneuerbaren Energien wurden von der großen Koalition regelrecht ausgebremst. Die Windenergie steckt in der Krise. Da gehen tausende Arbeitsplätze verloren. Darüber redet übrigens kaum jemand. Nur wenn es um Jobs in der Kohle geht, ist die allgemeine Aufregung groß. Der Windausbau und auch der Solarausbau müssen deutlich beschleunigt werden. Auf der anderen Seite müssen die Subventionen für konventionelle Energien drastisch abgebaut werden.

Was stört sie noch?

LATIF Völlig unzureichend ist auch die geplante CO2-Bepreisung. Dadurch wird zum Beispiel der Liter Benzin ab 2021 lediglich um drei Cent teurer. Da schwanken die Preise an den Tankstellen ja schon an einem Tag deutlich stärker. Eine Lenkungswirkung wird man damit nicht erzielen. Hier wäre ein viel größerer Schritt nötig gewesen.

Können Sie auch etwas Positives entdecken?

LATIF Dass man die Bahn stärken will, ist zweifellos ein gutes Zeichen. Niemand kann doch erwarten, dass die Leute auf die Bahn umsteigen, wenn die nicht attraktiv und zuverlässig ist. Das gilt übrigens auch in Sachen Digitalisierung. Ich bin in vielen Ländern der Welt unterwegs. Selbst in Bummelzügen gibt es dort ein vernünftiges Wlan. Warum Deutschland das nicht auf die Reihe kriegt, ist mir ein Rätsel.