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Interview mit Ärztepräsident Klaus Reinhardt

Interview : „Nicht endlos von Lockdown zu Lockdown hangeln“

Der Ärztepräsident kritisiert im Bund-Länder-Beschluss fehlende Grundsatzentscheidungen für die schrittweise Öffnung des gesellschaftlichen Lebens.

Der Präsident der Bundesärztekammer hält die Verlängerung des Lockdowns bis zum 7. März für unvermeidlich, vermisst im Beschluss von Bund und Ländern aber Ideen für ein Ende der Eindämmungsmaßnahmen und den besseren Schutz der Alten- und Pflegeheime.

Herr Reinhardt, was halten Sie als Mediziner von den Beschlüssen der Ministerpräsidentenkonferenz?

REINHARDT Eine begrenzte Verlängerung des Lockdowns ist angesichts der vielen offenen Fragen zur Verbreitung der neuen Virusvarianten in Deutschland derzeit aus Gründen der Vorsicht unvermeidlich. Klar ist aber auch, dass wir uns nicht endlos von Lockdown zu Lockdown hangeln können. Für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern bedeuten Kita- und Schulschließungen psychosozialen Stress, der krank macht.

Welche Folgen hat der lange Lockdown für Schüler?

REINHARDT Kitas und Schulen sind Orte, an denen Kinder Essenzielles voneinander lernen. Was in einem bestimmten Alter versäumt wird, könnten Kinder später nur schwer und manchmal gar nicht nachholen.

Und für Ältere und alle anderen?

REINHARDT Viele ältere Menschen leiden körperlich und seelisch unter Kontaktbeschränkungen, Einsamkeit und Isolation. Kulturschaffende, Kleinunternehmer und viele andere Selbstständige sehen sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht, was häufig ebenfalls gesundheitliche Folgen hat.

Was kritisieren Sie an den Beschlüssen?

REINHARDT Wir hätten uns gewünscht, dass Bund und Länder auch Grundsatzentscheidungen darüber treffen, wie wir schrittweise mit vernünftigen Hygienekonzepten erste Eindämmungsmaßnahmen zurückfahren können, sobald sich die Infektionslage weiter verbessert hat. Davon und von der im Januar eigens hierfür einberufenen Bund-Länder Arbeitsgruppe ist in dem Beschlusspapier aber nur wenig Konkretes zu lesen.

Was fordern Sie konkret?

REINHARDT Zum Beispiel brauchen wir konkret einen bundeseinheitlichen Stufenplan für den Wiedereinstieg in den Präsenzbetrieb an den Schulen in Abhängigkeit der regionalen Infektionslage. Dazu brauchen wir passgenaue Hygienepläne und einheitliche Quarantänevorgaben, vor allem aber müssen wir die personellen und technischen Voraussetzungen für den Wechselunterricht schaffen und qualifiziertes Personal für die Durchführung von Schnelltests zur Verfügung stellen.

Und was fordern Sie für Alten- und Pflegeheime?

REINHARDT Nach wie vor sind weit überwiegend ältere Menschen von schweren Covid-19-Verläufen betroffen. Zentrale Aufgabe der Pandemiebewältigung muss es deshalb sein, diese Menschen vor Ansteckung zu schützen. Wir brauchen pragmatische Lösungen, um schnell und unbürokratisch zusätzliche Mitarbeiter zur Bewältigung von Sonderaufgaben zur Infektionsprävention und zur Kompensation von infizierten und erkrankten Mitarbeitern zu qualifizieren.