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Interview Martin Sabrow: „Damals wurde die Rückkehr in die Zivilisation geebnet“

Martin Sabrow : „Damals wurde die Rückkehr in die Zivilisation geebnet“

Der Potsdamer Historiker über das Kriegsende in Europa vor 75 Jahren, das schwierige Datum 8. Mai und die Debatte über einen gesetzlichen Feiertag.

An diesem Freitag, 8. Mai, liegt das Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland genau 75 Jahre zurück. 1985 sprach der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker vom „Tag der Befreiung“. Doch noch immer tun sich die Deutschen mit dem Datum schwer. Unsere Zeitung sprach darüber mit dem Historiker Martin Sabrow vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam.

Wie erklärt sich, dass die Rede Richard von Weizsäckers eine solche Wucht entfalten konnte?

SABROW Dass der Bundespräsident den Begriff „Befreiung“ übernahm, war 1985 für ein Staatsoberhaupt etwas Neues. Bis dahin war „Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus“ ein Ausdruck aus dem Sprachverzeichnis der DDR gewesen, im Westen dominierte hingegen der Blick auf Kapitulation und Niederlage. Auch von Weizsäcker wies in seiner Rede, allerdings mit einer gewissen Akzentverschiebung, auf die Spannung hin, die seit jeher über diesem Tag lag, „an dem man vernichtet und erlöst in einem“ gewesen sei. So lautete einst die Formulierung von Theodor Heuss. Von Weizsäcker nahm diesen Gedanken auf, als er den 8. Mai einen Tag der Befreiung, aber nicht des Feierns nannte.

Es lebten 1985 noch viele aus der Kriegsgeneration, die den Tag als militärische Niederlage empfunden hatten. Erklärt das die Aufregung?

SABROW Natürlich. Deutschland hatte einen Weltkrieg begonnen und verloren. Die meisten Überlebenden hatten das Kriegsende als fürchterliche Niederlage erlebt, die mit persönlicher Entwürdigung und dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung einherging. Die überlieferten Tagebuchnotizen aus jener Zeit belegen, wie sehr man sich in der „Stunde Null“ als leidendes Opfer begriff. Das selbst zu verantwortende Leid sah man weniger. Es hat neben dieser nationalgeschichtlichen aber immer auch eine menschheitsgeschichtliche Sicht auf den 8. Mai gegeben, die den Sieg über den nationalsozialistischen Zivilisationsbruch herausstellte. Diese Perspektivenverschiebung setzte sich zum Zeitpunkt der Rede von Weizsäckers im kollektiven Gedächtnis allmählich durch, was auch mit einem Generationswandel zu tun hatte.

Sie setzen sich zusammen mit anderen Historikern dafür ein, den 8. Mai als gesetzlichen Feiertag einzuführen. Warum?

SABROW Ich glaube, dass wir dem in von Weizsäckers Rede markierten und seither weiter vorangeschrittenen Mentalitätswechsel Rechnung tragen sollten. Tatsächlich sehen wir Nachgeborenen den 8. Mai inzwischen ganz überwiegend zuallererst als den Anfang einer demokratischen und freiheitlichen Entwicklung, die ohne den Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland nicht hätte stattfinden können. Das sollten wir auch zum Ausdruck bringen. Damit könnten wir zugleich der gemeinsamen Bedeutung dieses Tages gerecht werden, statt des Kriegsendes immer noch aus den gegensätzlichen Perspektiven von Siegern und Besiegten zu gedenken.

Für den Neuanfang des Landes steht doch viel besser der Verfassungstag, der 23. Mai.

SABROW Der Tag des Grundgesetzes ist ein eher abstraktes Datum geblieben – Erinnerung an einen staatlichen Hoheitsakt, kein gelebtes Gedenkdatum. Ähnlich geht es dem 3. Oktober, der als staatliches Feierdatum der deutschen Einheit vor dem vielschichtigen 9. November den Vorzug erhielt. Für die Lebendigkeit unserer Gedenkkultur wäre es umgekehrt wohl besser gewesen.

Außer den Serben mit dem Amselfeld feiert keine Nation ihre militärischen Niederlagen. Warum sollten die Deutschen es tun?

SABROW Das hängt mit dem unterschiedlichen Charakter der nationalen Geschichtskulturen zusammen. Nach 1945 haben wir die auf Stolz und Kontinuität setzende Gedenktradition mehr und mehr durch eine auf Umbruch und Abkehr orientierte Haltung ersetzt. Unser Geschichtsdenken ist auf Distanzierung von der unheilvollen Vergangenheit ausgerichtet statt auf Wiederbeschwörung vergangener Größe. Diesem Traditionswandel werden insbesondere Gedenktage gerecht, die Freude und Nachdenklichkeit verbinden, die historische Selbstvergewisserung als kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im Interesse einer besseren Zukunft anregen.

Unzweifelhaft endete am 8. Mai in Deutschland der Weltkrieg. Sollte man den Tag als Antikriegstag begehen?

SABROW Zum Antikriegstag taugt eigentlich jeder Tag des Jahres und natürlich auch der 8. Mai. Aber er bedient zugleich eine sehr deutsche Perspektive. Schließlich ging der Zweite Weltkrieg nach dem 8. Mai 1945 im Pazifik noch weiter; die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki detonierten erst im August. In Deutschland begehen wir als Antikriegstag zudem seit Jahrzehnten den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September. Die Forderung, den 8. Mai zu einem gesetzlichen Feiertag zu erklären, dient nicht dazu, den Gedenkkalender unendlich zu erweitern. Aber der Umstand, dass an diesem Tag und mit der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft die Rückkehr in die Zivilisation neu geebnet wurde, verdient gedenkpolitische Würdigung – nicht nur auf Seiten der von der Kriegsgeißel befreiten Völker, sondern gerade in dem Land, von dem der verheerende Krieg ausgegangen war und zu dem er dann so verheerend zurückkam.