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Impfen vor Clubs und mögliche Nachteile für Ungeimpfte

Suche nach neuen Impfanreizen : Corona-Impfungen vor Clubs und Nachteile für Ungeimpfte?

Die Delta-Virusvariante sorgt für kontinuierlich steigende Inzidenzen. Umso dringlicher wird nach niederschwelligen Impfangeboten und eigneten Anreizen gesucht. JU-Chef Tilman Kuban will an ungewöhnlichen Orten impfen und SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich setzt auf Kreativität. Bei möglichen Vorteilen für Geimpfte wird es haarig.

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz steigt weiter kontinuierlich an.  Zugleich ist Deutschland noch weit entfernt von der notwendigen Impfquote, um die Delta-Virusvariante beherrschen zu können. Politiker verschiedener Parteien werben daher intensiv für die Impfung gegen Covid-19. „Damit geht man das deutlich geringere Risiko ein als mit einer Corona-Infektion und Schäden aus Long-Covid“, sagte Tilman Kuban, Vorsitzender der Jungen Union (JU) und Mitglied im CDU-Vorstand, unserer Redaktion. Er nahm vor allem jüngere Generationen in den Blick. Diese müsse man überzeugen, und mit mobilen Impfteams oder Impfbussen „genau dorthin gehen, wo die jungen Menschen sind“, betonte Kuban. Der JU-Chef schlug vor, Impfungen vor Bars, Clubs, Stadien oder am Rande von Volksfesten anzubieten.

SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich plädierte dafür, „mit viel Kreativität alle erdenklichen Möglichkeiten und vor allem Räume zu schaffen, damit noch mehr Menschen sich unkompliziert impfen lassen können“. Wer sich impfen lasse, schaffe sich die Gewissheit, sich selbst und andere zu schützen. Zudem falle damit das Testen weg. Mützenich verwies auch darauf, dass private Anbieter im Rahmen ihres Hausrechts Geimpften „Vorzüge einräumen“ können.

Mit einem besonders kreativen Impfanreiz hatte die Impfstelle im südthüringischen Sonneberg für Aufsehen gesorgt: Dort wurde eine Bratwurst zur Belohnung ausgegeben, was am vergangenen Freitag einen regelrechten Ansturm ausgelöst hatte. Statt der durchschnittlich bis zu 140 Impfungen pro Tag seien nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung mindestens 250 Menschen zum Impfen gekommen.

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Menschen binnen sieben Tagen stieg am Sonntag auf bundesweit 17,5. Inzwischen sind 51,5 Prozent aller Bürger doppelt geimpft; 61,5 Prozent haben die erste Impfung hinter sich (Stand 29. Juli). In der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen liegt die Quote der doppelt Geimpfen bei nur 9,3 Prozent. Grund dafür ist unter anderem, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) die Impfung für Kinder und Jugendliche noch nicht generell empfohlen hat. Im Kampf gegen die Delta-Variante sollten laut Robert-Koch-Institut (RKI) mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der über 60-Jährigen vollständig geimpft sein.

Unterdessen wurde bekannt, dass Bund und Länder offenbar bereits in einem Monat mit den Auffrischungsimpfungen beginnen wollen. Das geht aus einem Beschlussentwurf für die Gesundheitsministerkonferenz an diesem Montag hervor, über den zuerst die „Bild am Sonntag“ berichtete. Demnach sollen ab September vor allem Hochbetagte, Pflegebedürftige und Menschen mit geschwächtem Immunsystem ein drittes Mal geimpft werden. Vollständig Geimpfte, die mit dem Vektorimpfstoff von Astrazeneca oder Johnson & Johnson geimpft wurden, sollen sich beim dritten Mal mit Biontech impfen lassen können. Zudem wollen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern dem Entwurf zufolge am Montag beschließen, allen Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren eine Impfung anzubieten - ungeachtet der ausstehenden Stiko-Empfehlung. 

Neben der Forderung nach niederschwelligen Impfangeboten geht die Debatte über rechtliche Nachschärfungen weiter. Bisher sind Geimpfte, Genesene und Getestete gleichstellt. Vor einer Woche hatte Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) mögliche Einschränkungen im Herbst für Ungeimpfte ins Spiel gebracht. SPD-Fraktionschef schloss nun Nachteile für Nicht-Geimpfte nicht aus. Er verwehrte sich jedoch gegen den Begriff der „Exklusiv-Rechte“ für Geimpfte, „weil bisher eingeschränkte Grundrechte wieder gelten“, sagte Mützenich unserer Redaktion. Anders als private Anbieter müssten staatliche Stellen „allen gleichermaßen ihre Leistungen anbieten“. Einschränkend fügte der SPD-Politiker aber hinzu, dass „durch Hygienekonzepte oder künftig durch Eigenleistungen für Tests durchaus auch Nachteile für Ungeimpfte entstehen können“.

Mit Blick auf die Jüngeren nannte JU-Chef Kuban es „falsch“, die Gleichstellung von Geimpften, Getesteten und Genesenen aufzugeben. Erstens seien besonders viele jüngere Menschen noch nicht zweitgeimpft. „Und zweitens gibt es die Gruppe der unter 16-Jährigen, für die kein Impfstoff zur Verfügung steht. Es darf nicht sein, dass die Eltern ins Restaurant, Stadion oder Kino gehen, während Kinder zu Hause bleiben müssen“, mahnte Kuban an.

Die FDP forderte „Anreize“ statt einer „Impfpflicht durch die Hintertür“, wie FDP-Fraktionsvize Michael Theurer unserer Redaktion sagte. „Geimpfte, Genesene und Getestete, von denen keine Infektionsgefahr ausgeht, müssen ihre Freiheitsrechte auch ausüben können.“ Dabei forderte er von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die „Verunsicherung durch kontroverse Positionen“ innerhalb der Bundesregierung zur Impfpflicht und zu kostenlosen Tests „unverzüglich“ zu stoppen. „Die Menschen haben ein Recht darauf zu erfahren, wie die Position der Bundesregierung und der Kanzlerin zu diesen Fragen ist“, sagte Theurer.