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Ein Contergan-Betroffener im Porträt: Hadern ist einfach nicht sein Ding

Ein Contergan-Betroffener im Porträt : Hadern ist einfach nicht sein Ding

Das Skandal-Medikament Contergan, das vor 60 Jahren erschien, hat das Leben von Wolfgang Debold geprägt. Aber bestimmen lässt sich der Saarländer davon nicht.

Sonntag? Wird eigentlich ein ganz normaler Tag, sagt Wolfgang Debold. „Also kein Tag, der mich besonders schwermütig macht oder mit Hasskapriolen an die Firma Grünenthal denken lässt.“ Der grau-blonde Mann mit den klaren blauen Augen hat keinen Hang zum Hadern mit dem Schicksal, „das ist einfach nicht mein Ding“. Einen Hang zur Ich-Fixierung hat er auch nicht, daher versteht er gut, dass der 1. Oktober für viele andere Betroffene sehr wohl ein Gedenktag der Wut und Enttäuschung ist. „Und es ist wichtig, an den Tag zu erinnern, damit es nicht vergessen wird.“ Denn am Sonntag vor genau 60 Jahren kam in der Bundesrepublik ein vermeintlich harmloses Schlafmittel der Firma Grünenthal auf den Markt, das enormes Leid brachte: Weltweit wurden rund 10 000 Kinder mit Missbildungen an Armen, Beinen oder Organen geboren, weil ihre Mütter als Schwangere auf Conter­gan vertraut hatten. Auch die Mutter von Wolfgang Debold. Ihr Sohn hat, wie er 56 Jahre nach seiner Geburt schlicht sagt, „kurze Arme. Und zwar lebenslänglich.“

„Humor und Ironie“ – ein Motto für den Diplom-Designer aus Kirkel, der ein Atelier in Blieskastel hat und sich selbst liebevoll als „Conterganer“ bezeichnet. Debold ist einer von heute rund 2700 Contergan-Betroffenen in Deutschland, etwa 30 im Saarland. Humor und Ironie sind für ihn „Arbeitsmittel“. Seine Zeichnungen und Fotografien mit dem Fokus auf „Menschen mit außergewöhnlichen Körperformen“ spiegeln das, und auch seine Einstellung zum Anderssein. „Ich beschäftige mich nicht fortwährend damit, dafür habe ich gar keine Zeit.“ Er hat entschieden, „mitmachen zu wollen“ in einem normalen Leben. „Das muss aber jeder für sich entscheiden.“ Es ist eine Haltung, keine Verdrängung, die er ausstrahlt.

„Ich bin es von klein auf gewohnt, selbständig zu sein“, sagt Debold, dessen Eltern „mich immer so behandelt haben, als wäre ich gar nicht behindert“. Ein offenes Gespräch über den Contergan-Skandal, der seine Mutter „noch heute belastet“, gab es zwar dadurch nie, aber „unterm Strich war es der richtige Weg“. Als Jugendlicher habe er nie „besondere Probleme“ erlebt. „Natürlich gucken die Leute, bis heute. Man ist immer die eine rote Kuh unter zehn weißen.“ Entgangen sei ihm dadurch aber nichts. Weder Glück, noch Frauen, noch der Wunsch, „mit kurzen Armen Zeichner zu werden“. Seit dem Studium in Saarbrücken lebt der ledige Freiberufler von Ausstellungen und Auftragsarbeiten. Seine Bilder zeigen auch die eigenen Arme. Der Umgang mit seiner Behinderung hat seinen künstlerischen Blick geprägt, und umgekehrt. „Ich verdiene mit meinen kurzen Armen Geld, indem ich sie an die Wand hänge. Eigentlich heftig, oder?“, sagt er mit seinem verschmitzten Lächeln.

Aber Wolfgang Debold wird ganz ernst, wenn er über den Skandal um Contergan spricht, der auch sein Leben jeden Tag prägt. „Natürlich hat die Firma Grünenthal mir ein Problem fürs ganze Leben geschaffen.“ Seine Mutter konnte das nicht wissen, als sie Anfang 1961 das Schlafmittel nahm, das Schwangeren gegen die Übelkeit angepriesen wurde. Die Aachener Pharma-Firma brachte es am 1. Oktober 1957 auf den Markt, im November 1961 nahm sie es zurück, nach dem größten Arzneiskandal der Republik. Der Wirkstoff Thalidomid führte zu tausenden Totgeburten, 10 000 missgebildeten Neugeborenen, einem Mammut-Prozess gegen Grünenthal und einem Vergleich, den Wolfgang Debold wie viele Betroffenen „ungerecht“ nennt. Mit 100 Millionen Mark Entschädigung war die Firma aus der Verantwortung. Zwar gab es seither weitere Zahlungen und die Contergan-Renten, die vor allem die Bundesregierung speist, wurden massiv aufgestockt, auf bis zu 7600 Euro. Aber das reiche ja nicht, wenn man Pflege braucht, sagt Debold. Denn allmählich kommen die Contergan-Kinder von einst in ein Alter, das zusätzliche Beschwerden bringt. Abgesehen davon: „Wer will schon ermessen, was ein kurzer Arm kostet?“

Auch Debold, der Hilfe für alltägliche Dinge selbst organisiert und einmal jährlich zur Kur in eine spezialisierte Klinik in Hessen fährt, hat Sorge, dass seine Schmerzen irgendwann zunehmen. Weil er Dinge per Hand nicht erreichen kann, muss er sich ständig bücken und strecken – mehr als „normale“ Leute. „Ich halte mich fit, aber anstrengend ist das alles schon.“

Mehr Geld von Grünenthal will Debold trotzdem nicht. Einmal hat er der Firma einen Brief geschrieben, aber nie abgeschickt. Er wolle kein „Trinkgeld“. Eine echte Entschuldigung „wäre nett“, vielleicht auch eine Dokumentation, in dem alles aufgearbeitet würde. Denn das fehlt bis heute, sagt Debold. Deswegen ist der Sonntag doch ein wichtiger Tag. Vor allem für alle, die nicht so mutig sind wie dieser Mann. Für die anderen Contergan-Kinder.