Gesundheitsökonom Jürgen Wasem fordert mehr Pfleger in Kliniken

Gesundheitsökonom Jürgen Wasem fordert mehr Pfleger in Kliniken : „Risiken für Patienten verhindern“

Der Gesundheitsökonom verteidigt die von Minister Spahn geplanten strengeren Personalvorgaben in Kliniken.

Um Patienten optimal zu versorgen, will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Personalvorgaben für Pflegekräfte in Krankenhäusern verschärfen. Für Bereiche wie Intensivstationen oder die Unfallchirurgie gelten schon seit Januar entsprechende Personaluntergrenzen. Vom kommenden Jahr an sollen sie auch in der Herzchirurgie, Neurologie und für Schlaganfallpatienten greifen. Untergrenzen gefährdeten die medizinische Versorgung, warnt die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Der Essener Gesundheitsökonom Jürgen Wasem hält sie hingegen für nötig.

Herr Wasem, ist Spahn mit seinen Plänen gut beraten?

WASEM Es ist grundsätzlich richtig, Personaluntergrenzen einzuziehen. Das sind ja nur die Mindestvorgaben. Sie sollen verhindern, dass durch eine zu dünne Personaldecke Risiken für die Patienten entstehen.

Warum haben wir eigentlich die Probleme mit der Personalausstattung?

WASEM Die Krankenhäuser haben über viele Jahre Pflegepersonal abgebaut. Mit den erzielten Einsparungen wurden insbesondere Investitionen, zum Beispiel in neue Operationssäle finanziert. Denn die eigentlich dafür vorgesehenen Finanzmittel der Bundesländer fließen nur sehr unzureichend. So sind wir bei der Ausstattung mit Pflegepersonal europäisches Schlusslicht geworden. Die Grenze zur gefährlichen Pflege war teilweise erreicht. Daher ist es richtig, dass die Politik die Einführung von Personaluntergrenzen beschlossen hat.

Wenn Pflegekräfte fehlen, nützen aber auch strengere Personalvorgaben nichts, oder?

WASEM Ja, es stimmt schon: Krankenhäuser können sich ihr Personal nicht backen, und der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist ziemlich leergefegt. Krankenhäuser, die die Mindestvorgaben häufiger nicht schaffen, müssen sich daher überlegen, ob sie die entsprechenden Abteilungen tatsächlich weiter vorhalten wollen. Einige Krankenhäuser haben sich deswegen auch entschlossen, Betten oder auch ganze Abteilungen stillzulegen. Bisher habe ich aber nicht den Eindruck, dass in größerer Zahl Patienten letztlich nicht versorgt werden konnten.

Wenn Krankenhäuser Betten stilllegen: Liegt das tatsächlich am Personalmangel oder auch am mangelnden Willen, die Regelung umzusetzen?

WASEM Mein Eindruck ist, dass die meisten Krankenhäuser sich kräftig bemühen, das mindestens geforderte Personal auch vorzuhalten. Denn es ist finanziell nicht attraktiv, Betten stillzulegen. Das macht sich auch in der Öffentlichkeit nicht gut. Aber besser als häufiger eine Strafe zu zahlen, ist es allemal. Mangelnder Wille spielt sicher in Einzelfällen eine Rolle, auch vielleicht eine bewusste Demonstration. Aber das ist nicht die Regel.

Gibt es eigentlich objektive Kriterien für ein Mindestmaß von Pflegekräften in Kliniken?

Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem fordert mehr Pflegepersonal in Krankenhäusern. Foto: Uni Duisburg-Essen. Foto: Foto: Uni Duisburg-Essen

WASEM Dass eine bessere Personalausstattung mit einer besseren Patientenversorgung einhergeht, konnte in Studien gezeigt werden. Aber es ist schwierig, daraus eine eindeutige Mindestzahl abzulesen. Die von der Politik getroffene Regelung setzt nicht bei objektiven Kriterien an, sondern nimmt die gut ausgestatteten Kliniken als Maßstab. Dieser Ansatz ist aus meiner Sicht sinnvoll. Die Politik versucht ja mit vielen Wegen, den Pflegeberuf attraktiver zu machen, so dass die Engpässe beim Pflegepersonal dann verschwinden. Aber das braucht seine Zeit. Durch diese Durststrecke müssen wir durch.

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