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Gesundheitsökonom Gerd Glaeske hält Klinikschließungen für notwendig

Interview mit Gesundheitsökonom Gerd Glaeske : „Es kann nicht alles so bleiben, wie es ist“

Der Gesundheitsökonom hält Klinik-Schließungen in Deutschland trotz der Erfahrungen aus der Corona-Krise für notwendig.

Vor fast genau einem Jahr sorgte eine Studie der Bertelsmann-Stiftung für Aufregung. Ihre Kernaussage: In Deutschland ist mehr als jedes zweite Krankenhaus überflüssig, und dabei würde sich die Versorgungsqualität für die Patienten sogar verbessern. Sorgt die Corona-Krise jetzt für ein Umdenken in der Fachwelt? Darüber sprach unser Berliner Korrespondent mit dem Bremer Gesundheitsökonomen Gerd Glaeske.

Herr Glaeske, gegenwärtig gibt es insgesamt 1925 Kliniken in Deutschland. Kommen wir trotz oder wegen dieser vergleichsweise hohen Kapazitäten gut durch die Corona-Krise?

GERD GLAESKE Wegen, sage ich da zunächst einmal. Trotz anfänglicher Probleme mit Masken oder Atemgeräten haben wir eine solide stationäre Ausstattung. Damit wurde der Ruf Deutschlands, über ein gutes, aber eben auch teures Gesundheitssystem zu verfügen, international einmal mehr bestätigt.

Also liegen die Bertelsmann-Forscher jetzt erst recht schief?

GLAESKE Für mich war die These über die Verzichtbarkeit von mehr als 50 Prozent der stationären Kapazitäten von Anfang an sehr undifferenziert. Trotzdem kann nicht alles so bleiben, wie es ist. Der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen ist davon ausgegangen, dass schätzungsweise jede fünfte Klinik zu viel ist. Dazu braucht es aber eine Steuerung, welches Krankenhaus wo gebraucht wird. Nötig sind bevölkerungsnahe Einrichtungen, aber auch spezielle Zentren für die Behandlung bestimmter Krankheiten. Nicht alle sollen alles machen. Diese Notwendigkeit bleibt unabhängig von Corona bestehen.

Allein in den letzten 15 Jahren wurden aber schon mehr als 200 Kliniken geschlossen, während die Zahl der Patienten im gleichen Zeitraum von 15,5 auf 19,4 Millionen zunahm. Das kann doch nicht gesund sein, oder?

GLAESKE Das ist nur eine vordergründige Diskrepanz. Durch die Umstellung des Abrechnungssystems auf Fallpauschalen für die Behandlung bestimmter Krankheiten wurden die Liegezeiten der Patienten verringert. Das ist nicht immer sinnvoll. Aber die Belegungsquote in vielen Häusern ist größer geworden. Auch wurden mehr Ärzte eingestellt, aber leider kaum Pflegepersonal.

Nach einer aktuellen Forsa-Umfrage wünschen sich 93 Prozent der Bundesbürger ein wohnortnahes Krankenhaus. Kann man das ignorieren?

GLAESKE Nein, aber man muss die Strategie einer vernünftigen Differenzierung erläutern. Basisversorgung wohnortnah, das ist nachvollziehbar, dies kann aber nicht für die Spezial- und Maximalversorgung gelten.

Die Bundesregierung fördert sogar die Schließung von Krankenhäusern in Deutschland über einen Strukturfonds. Muss nicht zumindest das wegen der Erfahrungen aus der Corona-Krise neu überdacht werden?

GLAESKE Nein. Corona hat gezeigt, dass das System flexibel genug ist, solche Krisen zu meistern. Ich erinnere nur an den Ausbau der Verfügbarkeit von Intensivbetten. Gegenwärtig haben wir 31 000, von denen 21 000 belegt sind, darunter nur acht Prozent mit Corona-Patienten. Rund 10 000 Intensivbetten stehen also leer, was auch im Hinblick auf die Zahl der Krankenhäuser zu bedenken ist.