Generalinspekteur der Bundeswehr Zorn: Kein Ende der Auslandseinsätze

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Die Bundeswehr wird noch auf unbestimmte Zeit weltweit im Einsatz sein. Davon ist ihr oberster General überzeugt. Auch weitere Missionen schließt er nicht aus.

Kaum mehr als eineinhalb Jahre ist er im Amt des Generalinspekteurs, der Saarländer Eberhard Zorn, der sich vorgenommen hat, die Bundeswehr möglichst rasch effizienter zu machen. Ein Pragmatiker ist er, ein Schnelldenker und Klartextredner. Bei einem Vortrag in der Saarlouiser Graf-Werder-Kaserne macht er mögliche Vorstellungen oder Träume zunichte, Deutschland könne sich in nächster Zeit auch aus nur einem der zwölf Auslandsmissionen zurückziehen. Erfolge, sagt er, seien in den meisten Einsätzen sichtbar, aber „wir brauchen einen sehr langen Atem“. Von einem „Generationendenken“ spricht er – etwa was die internationale Terrorbekämpfung betreffe. „Meine Prognose ist, dass wir überall dort noch weiter gebraucht werden. Ich kann an keiner Stelle signalisieren, dass wir die Aufträge reduzieren werden“, macht er klar – und rechnet dabei mit weiteren Mandatsverlängerungen durch den Bundestag auch in den kommenden Jahren.

Denn wer denke, der IS sei in Syrien besiegt, müsse zur Kenntnis nehmen, dass die Terror-Miliz inzwischen auch in Afghanistan Fuß gefasst habe: Man könne beobachten, wie sich der Terror krakenartig ausbreite und vernetze, gerade auch in Mali und Niger, wo die Truppe mit 900 Soldaten am Einsatz beteiligt ist – die höchste deutsche Kontingentstärke im Ausland. Allen Rückzugs-Forderungen zum Trotz sind deutsche Soldaten auch weiterhin etwa in beratender Funktion in Afghanistan. „Und ich weiß nicht, wie lange das noch dauert“, räumt Zorn ein. Auch bei den Amerikanern ist ihm zufolge von Rückzug keine Rede (mehr): Das werde lediglich auf politischer Ebene kolportiert, sagt er – und meint damit anscheinend den obsessiven Twitterer Donald Trump. Offenbar änderten aber auch die Amerikaner ihre strukturelle Ausrichtung in Afghanistan – hin zu mehr Ausbildung und Beratung. Viele Hoffnungen ruhten dabei jetzt auf einer Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban. Ohne die strategische und logistische Hilfe der USA, versichert Zorn, seien die Einsatzkräfte der anderen Länder nicht handlungsfähig.

Insgesamt verrichten auf deutscher Seite derzeit rund 3500 Soldaten der rund 180 000-köpfigen Truppe in weltweiten Einsätzen ihren Dienst. Was aber heißt das? Ist die Bundesrepublik zu einem stärkeren Engagement in der Welt in der Lage, wie es Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) jetzt forderte? Müssen wir sogar? Eine politische Frage freilich, die Deutschlands oberster General so kommentiert: Er halte die politische Einstellung der Ministerin grundsätzlich für richtig und notwendig. Auch personell und logistisch sei die Bundeswehr durchaus in der Lage, mehr zu stemmen. Zorn hält die Truppe für gut gerüstet und in Form, sieht aber auf mehreren Ebenen auch hohen Verbesserungsbedarf, so etwa bei der zeitnahen Beschaffung von Ersatzteilen.

Zuvor hatte der General – beim imaginären Blick auf die Weltkarte – gewissermaßen selbst die Notwendigkeit einer „deutlichen strategischen Neuausrichtung“ unterstrichen: Alles tendiere dazu, noch weit, weit komplexer zu werden, als es ohnehin schon ist. Nicht zuletzt sei für die europäischen Länder auch durch das offizielle Ende des 1987 von Washington und Moskau unterzeichneten INF-Vertrags in diesem Jahr eine wichtige Sicherheitsgarantie weggebrochen. Der Vertrag verbot landgestützte Raketen und Marschflugkörper mittlerer Reichweite, die Atomsprengköpfe tragen können.

In der Nato, erklärt Zorn, gälten Russland und China offiziell als „strategische Wettbewerber“. Dass Moskau politisch auf allen Ebenen weltweit agiere, bedeute unter anderem, dass die Nato auch weiterhin mit einer schnell einzusetzenden Truppe unter deutscher Beteiligung im Baltikum zum Schutz der östlichen Nato-Mitgliedsländer präsent sein müsse. Daneben könne man feststellen, dass Russland nicht nur in Syrien, sondern auch mehr und mehr in Afrika eingreife und dort in Infrastruktur und Armeen investiere. Gleichzeitig habe Moskau seine defensive und offensive Raketenabwehr kräftig ausgebaut und so um das eigene Territorium einen Schutzschild gebildet, der nur schwer zu durchdringen sei.

Weniger militärisch, dafür aber extrem raumgreifend sieht Zorn die globalen Aktivitäten Chinas, dem zweiten strategischen Wettbewerber. Peking sei quasi von der Arktis bis tief nach Afrika hinein tätig: „Während wir in Bamako oder anderswo helfen, dass Ruhe einkehrt, bauen die Chinesen dort Flughäfen, investieren in die Eisenbahnlinien, die von ihnen selbst betrieben werden.“

Und so scheint es, als dürfte sich die Verteidigungsministerin bei aller Kritik, die ihr gegenwärtig entgegenschlägt, wenigstens auf eines verlassen können: den Rückhalt des obersten Generals Eberhard Zorn.

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