Fünf SZ-Leser feiern mit Bundespräsident 70 Jahre Grundgesetz

Fünf SZ-Leser bei Grundgesetz-Geburtstagsfeier : Auf einen Kaffee mit Steinmeier und Merkel

Es ist ein aufregender Tag für fünf Leser der Saarbrücker Zeitung. Sie gehören zu den glücklichen 200 Bürgern, die mit dem Bundespräsidenten den 70. Jahrestag des Grundgesetzes feiern.

Sie war noch im Nachthemd, als ihre Enkelkinder ihr um Viertel nach sechs per Videocall ein Geburtstagsständchen sangen. Ursula Höring ist am Anfang noch relativ gefasst. Erst später, als ihr die Bundeskanzlerin höchstpersönlich zum 70. Geburtstag gratuliert, kann sie die Tränen kaum zurückhalten.

Es ist nicht nur für die lebhafte Frau aus Schiffweiler ein ganz besonderer Tag. Nicht nur sie ist an diesem Donnerstag 70 geworden. Auch das große Werk des deutschen Volkes, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, trat am 23. Mai 1949 in Kraft. „So ein Tag, der kommt nur einmal“, sagt auch Benedikta Fischer (62) aus Rehlingen-Siersburg. Drei weitere Saarländer stehen daneben und nicken. Etwas nervös sind Bernhard Rothhaar (53), Laurin Seichter (15) und Kaeko Sogawa-Schaum (57) schon. Vom kleinen Saarland ins große Berlin, und dann noch ins Schloss Bellevue zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier! So etwas erlebt man nicht alle Tage. Noch ein schneller Schnappschuss, dann rüber in die Warteschlange, die von Minute zu Minute länger wird.

Der Geburtstag des Grundgesetzes ist auch der Geburtstag der Saarländerin Ursula Höring – sie darf ihn bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier feiern. Links neben ihr Bernard Rothhaar. Foto: Fatima Abbas

Kein Wunder: Der Bundespräsident hat an diesem Donnerstag nicht nur die fünf Leser eingeladen, die die Saarbrücker Zeitung nach Berlin begleitet. Fast 200 Gäste warten am Mittag unter strahlender Sonne auf den Einlass zum Park von Schloss Bellevue. 22 Tische für jeweils acht Personen stehen dort schon bereit. 18 Regionalzeitungen aus ganz Deutschland haben ihre Leser über ein Bewerbungsverfahren in die Bundeshauptstadt geschickt. Einige Bürger hatten sich mit Briefen an den Bundespräsidenten gewandt und wenige Wochen später eine Einladung zur „Geburtstagskaffeetafel“ im Briefkasten.

Doch die Saarländer stechen wie so oft hervor. Nicht nur weil einige von ihnen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) später bei ihrem Statement durch munteres „Dazwischenschwätze“ fast übertönen. SZ-Leser Laurin Seichter ist mit seinen 15 Jahren der jüngste Teilnehmer. Der älteste Diskutant ist 85 (aber ausnahmsweise kein Saarländer).

Das Altersspektrum ist so bunt wie die Lebensläufe: Eine Polizistin, ein Schlachtermeister, eine Ordensschwester, ein Youtuber. Ein Berufssoldat kurz vor dem Ruhestand. Ein Geschwisterpaar aus Syrien. Um genau zu sein aus Duma bei Damaskus. „Aber das kennt keiner“, sagt Sara Sriwel und lacht. Die junge Frau ist mit ihrem Bruder gekommen, um, wie sie sagt, „die Flüchtlinge in Deutschland zu vertreten“. Inmitten der anderen Gäste, im Park von Schloss Bellevue, steht sie in ihrem knallgelben Outfit, trägt Kopftuch, spricht Arabisch und freut sich. Ja, sie freut sich, heute hier sein zu dürfen. Sie besucht die 11. Klasse, macht in zwei Jahren Abitur an einem Gymnasium in Niedersachsen. Danach will sie Ärztin werden. „Wenn ich es so weit schaffe.“ Ja, wenn. Denn schon jetzt spürt sie die vielen gläsernen Decken. Als Kopf-tuch-trägerin – das Stolper-Wort spricht sie in mundgerechten Häppchen – bekomme sie nur schwer ein Praktikum. Sie organisiere an ihrer Schule Begegnungen mit „Nicht-Flüchtlingen“. Auch deshalb habe ihr Steinmeier eine Einladung geschickt.

Die auch Nina Jaros bekommen hat. Die 47-Jährige, die bis zu ihrem 40. Lebensjahr als Mann gelebt hat, ist nicht die einzige Transfrau, die in der großen Runde steht. Sie unterhält sich gerade mit Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne). Und nein, sagt Frau Roth, bisher sei es noch nicht um das Thema Umwelt gegangen. Vielmehr um die Würde des Menschen, um Artikel 1 bis 3, um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Die Grundlage ist super, aber an der Umsetzung hapert es“, so Roths Urteil. Die Öffnung der Ehe: ein gutes Signal. Aber Lohngleichheit? Fehlanzeige. Aber darüber könne man ja nun prima diskutieren.

Genau das will auch die Homburgerin Dagmar Sauer. Die Diplomübersetzerin hatte sich vergangenen September nach den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz in einem Brief an das Staatsoberhaupt gewandt. Dann bekam sie im März überraschend eine Einladung zur Kaffeetafel. Die Integrationshelferin macht sich Sorgen, will nicht, dass sich „radikales Gedankengut“ verbreitet. Denn es bedrohe das, was der Bundespräsident in seiner Ansprache das „Bollwerk für die Menschenwürde“ nennt. Das Grundgesetz.

Das Produkt eines feierlichen Versprechens, das der Parlamentarische Rat in einem – wie Steinmeier sagt – „schmucklosen Bonner Turnsaal“ dem deutschen Volk gegeben hat. „Das Versprechen ist Wirklichkeit geworden: 70 Jahre später leben wir in einem wiedervereinten Land, einer starken Demokratie.“ Und genau das ist an den 8er-Tischen zu spüren. Moderiert von Persönlichkeiten wie der Journalistin Sandra Maischberger, dem Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo oder dem aus dem Saarland stammenden Verfassungsrichter Peter Müller. Die Bundeskanzlerin nimmt an mehreren Tischen Platz. Steinmeier sitzt zunächst ganz vorne, Tisch 21.

Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, fasst im Anschluss die Anliegen der Bürger zusammen: An vorderster Stelle das Thema Bildung, in all seinen Facetten. Bildung im föderalistischen System, Bildung in den ersten Jahren. Zweites großes Thema: Gleichberechtigung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dann das Ost-West-Gefälle. Wie ist es bestellt um den sozialen Zusammenhalt? Das berühmt-berüchtigte „Rumoren an der Basis“. Die große Frage: „Kann man uns nicht besser zuhören?“ Gerechtigkeit, Chancengleichheit. Schaffen wir das?

Angela Merkel meint: „Die Väter und Mütter des Grundgesetzes würden sich über diese Veranstaltung freuen.“ Solche Formate müsse es öfter geben. Auch die Gäste sind überzeugt: So geht Demokratie. Transgender-Frau Nina Jaros nennt es „Politik zum Anfassen“. SZ-Leser Laurin ist so inspiriert, dass er sich ärgert, als 15-Jähriger an diesem Sonntag noch nicht wählen zu dürfen. Bernhard Rothhaar strahlt über beide Ohren, Kaeko Sogawa-Schaum hat sich mit dem Bundespräsidenten über Japan ausgetauscht, sich über seine Volksnähe gefreut. SZ-Leserin Benedikta Fischer muss sich nach dem Austausch erst einmal sammeln, an Tisch 14 hat sie mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) über die Digitalisierung an Schulen gesprochen. Und die SZ-Geburtstagsdame Ursula Höring? Macht noch schnell ein Foto mit den beiden anderen Herren, die an diesem Donnerstag ebenfalls 70 geworden sind und sagt: „Es war einer meiner schönsten Geburtstage.“

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