Carola Rackete, Spitzenkandidatin der Linken Mit dem Druck der Straße

BERLIN · Die Kapitänin und frühere Seenotretterin soll nun helfen, die Linken zu retten. In einem Team mit dem Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert, 2022 Kandidat der Linken für das Amt des Bundespräsidenten, und Parteichef Martin Schirdewan, geht die parteilose Rackete auf Europa-Fahrt

 Spitzenkandidatin der Linken für die Europawahl: die frühere Seenotretterin Carola Rackete

Spitzenkandidatin der Linken für die Europawahl: die frühere Seenotretterin Carola Rackete

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Büros mag sie nicht. Obwohl sie in ihrem künftigen Job viel im Büro sitzen müsste – oder könnte. Sollte Carola Rackete am 9. Juni ins Europa-Parlament gewählt werden, drohen ihr stundenlange Sitzungen, Plenumsdebatten, Ausschüsse, Anhörungen. Die Tages- und Wochenroutine einer Abgeordneten. Augen auf bei der Berufswahl! Doch Rackete hat sich schon in ihrem ersten Job geirrt, als sie nach einem Studium der Nautik mit Kapitänspatent zur See fuhr. „Die Seefahrt ist auch ein Bürojob, nur mit einem schwimmenden Büro“, sagt die Klimaaktivistin heute.

Rackete war im Sommer 2019 bundesweit, ja, international bekannt geworden, als sie als Kapitänin der „Sea Watch 3“ Flüchtlinge im Mittelmeer aus Seenot rettete und dann wochenlang auf eine Genehmigung der italienischen Behörden wartete, den Hafen der Insel Lampedusa anlaufen zu dürfen. Rackete ignorierte schließlich das Verbot der Italiener und lief den Hafen ohne Genehmigung mit Verweis auf das Nothafenrecht an. Inzwischen hat die 36-Jährige, die als freiberufliche Ökologin arbeitet, noch eine andere Aufgabe übernommen. Eine politische Mission. Sie soll in einem Team für die Europa-Wahl helfen, Die Partei Die Linke aus der schweren See schlechter Umfragewerte zu retten. Mit Parteichef Martin Schirdewan, selbst Europa-Abgeordneter, und Rackete treten noch der Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert, 2022 Kandidat der Linken um das Bundespräsidentenamt, sowie Özlem Alev Demirel, ebenfalls Europa-Abgeordnete, auf den ersten vier Listenplätzen an.

Im Karl-Liebknecht-Haus, der Parteizentrale der Linken, ist sie gleichwohl nur sporadisch zu Gast. Rackete ist parteilos – und will es auch dann bleiben, wenn sie auf dem Ticket beziehungsweise der Liste der Linken ins Europäische Parlament einziehen sollte. Sie zählt sich zu den Bewegungslinken. Es war eine strategische Entscheidung der Parteispitze um Janine Wissler und Schirdewan, die Partei vor einem Jahr mit einer Kandidatur von Rackete auch stärker für die Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen hin zu öffnen. Aktivistin Rackete setzt auf den Druck der Straße, wenn sie beim Klimaschutz oder Mobilitätswende zu echten Veränderungen kommen will. „Politische Parteien können nicht alleine die drängenden Probleme unserer Zeit lösen, wie die Klimakrise. Dazu braucht es auch die Zivilgesellschaft und die Bewegungen auf der Straße“, sagt sie unserer Redaktion.

Die Straße ist Racketes Terrain – auch im Europa-Wahlkampf. Besser als jedes Büro. Und besser als jede Kapitänskajüte. „Wenn man die Zivilgesellschaft gut vertreten will, muss man vor allem viel unterwegs sein, mit den Menschen sprechen. Nur im Parlament herumzusitzen und sich mit anderen Abgeordneten auszutauschen, das reicht nicht. Also raus aus der parlamentarischen Blase!“, betont die Spitzenkandidatin. Draußen ist der Protest. So unterstützte sie beispielsweise die Aktionen Hunderter Demonstranten gegen Pläne des US-Elektroautokonzerns Tesla, sein Werk in Grünheide vor den Toren von Berlin um einen Güterbahnhof und Logistikhallen zu erweitern. Sie freut sich darüber, dass seit dem Austritt von Sahra Wagenknecht 4500 neue Mitglieder in die Linke eingetreten sind. Von der Stelle kommt die Partei in Umfragen aber nicht, sie dümpelt weiter bei zwei bis vier Prozent.

So sehr sich die Partei mit ihren 55.000 Mitgliedern über Neueintritte freut, gibt es vor allem bei Pragmatikern im Osten auch kritische Stimmen. Sie befürchten, dass nun im Geleitzug von Rackete viele fundamentoppositionelle Aktivisten die Partei entern könnten, wo es doch schließlich erklärtes Ziel der Parteispitze um Schirdewan und Wissler ist, die Linke für soziale Bewegungen auf der Straße zu öffnen – für Aktivistinnen und Aktivisten eben. So soll die Linke wieder zu einer progressiven Kraft im Lande werden, nachdem die Partei den Ballast des Dauerzanks mit Wagenknecht und ihren Mitstreitern abgeworfen hat. Rackete sagt: „Es war klar, dass die Linke sich neu aufstellen muss nach der Abspaltung von Wagenknecht, die nun ein Bündnis für Putin-Freunde aufgemacht hat. Die vielen Menschen, die jetzt neu bei der Linken sind, müssen erstmal in der Partei ankommen.“ Es brauche Zeit, bis die Linke das Vertrauen der Leute zurückgewonnen habe. „Dann steigen auch wieder die Umfragewerte.“ Jetzt wollen Rackete und die Linken zeigen, dass die Partei wieder „mit einem klaren politischen Profil auftritt“ – nächster Test beim Europakonvent an diesem Sonntag.

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